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#sinnlichkeit#haut#body

geschenkt

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geschenkt | story.one

Tief sauge ich den Duft meiner frisch gewaschenen Haare ein. Nein, das Shampoo habe ich nicht geschenkt bekommen. Es war nicht mal ganz billig. Sehr wohl aber habe ich meine Haare geschenkt bekommen, und das nicht nur einmal. Meine sch├Ânen glatten hellbraunen Haare. Zur G├Ąnze sind sie mir mal ausgefallen. Doch wurden sie mir ein zweites Mal geschenkt.

Die Haut im Gesicht ist ein wenig trocken. Ich gehe ins Badezimmer und creme mich ein. Meine Gesichtshaut ist bei weitem nicht makellos. Doch sie sch├╝tzt meinen K├Ârper. Ich habe sie geschenkt bekommen.

Jetzt schl├╝pfe ich aus meinem weichen Bademantel und nehme die K├Ârpercreme zur Hand. Vom Hals abw├Ąrts beginne ich mich einzucremen. Meine H├Ąnde streichen nun ├╝ber meine Br├╝ste. In einer schl├Ągt ein Herz, mein Herz. Manchmal zu schnell. Doch es schl├Ągt und erh├Ąlt mich am Leben. Ich habe es geschenkt bekommen.

Mein R├╝cken, verdammt, wie viel Last hat er schon tragen m├╝ssen? Nicht gerade wenig, doch er hat es geschafft. Wie oft hat er R├╝ckgrat beweisen m├╝ssen!

Meine Hand gleitet meinen Bauch runter, meinen vollen satten Bauch. Ich habe die Nahrung, die sich darin befindet, nicht geschenkt bekommen. Doch bin ich wieder gesund und kann arbeiten. Ich habe gek├Ąmpft daf├╝r und gewonnen. Was f├╝r ein Geschenk.

Meine H├Ąnde streichen nun ├╝ber meinen Po und ├╝ber meine Beine. Auf wie viele Berggipfel haben sie mich schon getragen?

Nun bin ich bei meinen F├╝├čen angelangt. Wie oft durfte ich mit ihnen schon barfu├č ├╝ber die Felder laufen? Wie oft habe ich sie mir schon aufgesch├╝rft? Doch sie sind wieder verheilt. Wie von selbst, aus eigener Kraft.

Nicht alles an mir will eingecremt werden. Meine Augen zum Beispiel. Durch sie kann ich sehen. Das Wesentliche sieht man nur mit dem Herzen, ich wei├č. Doch wie viel Sch├Ânheit h├Ątte ich nicht wahrnehmen k├Ânnen, h├Ątte ich meine Augen nicht.

W├Ąhrend meine schlanken Finger jetzt ├╝ber die Tastatur tanzen und diese Geschichte tippen, h├Âre ich Musik. Wie viel Genuss w├Ąre mir ohne meine Ohren entgangen? Unglaublich viel!

Mein gesunder K├Ârper beschert mir Lust, Vergn├╝gen, Erlebnisse, Freude. Nat├╝rlich auch Traurigkeit und Schmerz, das ist klar.

Ich habe vieles nicht geschenkt bekommen. Das Wesentliche aber schon. Meinen K├Ârper. Meinen wunderbaren und herrlich unperfekten K├Ârper und mein Leben, in dem ich mich immer wieder aufs Neue entscheiden kann, welchen Weg ich gehen will und welche Worte aus meinem Mund dringen sollen. Was f├╝r ein Geschenk!

┬ę Kristina Fenninger 2021-02-08

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