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Ich denke in bunt

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Ich denke in bunt | story.one

Ich öffne story.one und lese die heutige Geschichte des Tages. Sie heißt “Ausländer“ und ist von Edith Schachinger.

In dieser Geschichte beschreibt Edith, welche nach Italien ausgewandert war, wie sie sich fühlte, als sie das erste Mal auf ein Amt musste. Zwar sprach sie schon ein wenig Italienisch, trotzdem war sie sehr nervös und fühlte sich fremd.

Sie dachte an die vielen Menschen, die nicht wie sie ihr Land freiwillig verlassen hatten, sondern Zuflucht suchten, weil in ihrem Heimatland Krieg herrschte.

„Und das nächste Mal, wenn ich höre: 'Naja, ein bisschen muss man sich integrieren WOLLEN',.. dann werde ich mir diese Person noch einmal genau ansehen, die mir gegenüber sitzt, und mich fragen, was sie wohl NICHT erlebt hat.“ Das ist der letzte Absatz in Ediths Geschichte.

Wie oft ich schon solche Sätze gehört habe: „Aber die wollen sich ja gar nicht integrieren“. Oder: „Die wollen ja unter sich sein und mit uns gar nichts zu tun haben“. Vielleicht ist das manchmal so. Doch vielleicht sollte man sich auch einmal fragen, warum das so ist. Ob man nicht vielleicht auch selbst seinen Beitrag dazu leistet, dass manche Flüchtige nichts mit uns zu tun haben wollen?

2018 war ich schwer erkrankt. Fünf Monate später war die extrem starke Therapie beendet. Monate brauchte mein Körper und auch meine Seele, um sich von diesen Strapazen zu erholen. Ganz erholt habe ich mich bis heute nicht davon, auch wenn es mir meist gut geht. Eine Einrichtung konnte nicht verstehen, dass ich nicht bald schon wieder voll zu arbeiten beginnen wollte und auch gar nicht konnte. Kaputt wäre ich gegangen, hätte ich das getan. Da bin ich mir heute ziemlich sicher. Ich war wütend und ärgerte mich sehr, zumal ich von dieser Einrichtung ein wenig abhängig war. Doch hatte ich viele Menschen um mich, die ehrliches Interesse hatten, mir zu helfen. Diese Leute haben einen großen Beitrag dazu geleistet, dass es mir heute so gut geht. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ich will Krankheit nicht mit Flucht vergleichen. Doch, so denke ich, braucht auch ein Geflüchteter Zeit, um Traumata zu verarbeiten. Vielleicht braucht er Hilfe, weiß aber nicht, wo er die bekommt. Vielleicht muss auch er erst einmal in der Fremde ankommen dürfen.

Und wenn einem in der Fremde mit Hass begegnet wird, was leider nicht selten der Fall ist, wen wundert es dann noch, dass sich so mancher lieber zurückzieht in die eigenen vier Wände und kein Interesse an Integration hat? Also ganz ehrlich: Mich nicht!

© Kristina Fenninger 2020-07-16

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