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Ist Frau nur mit Haaren schön?

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Ist Frau nur mit Haaren schön? | story.one

Ich sitze im Café Fürst in der Salzburger Altstadt. Mir bleibt fast die Mozartkugel im Hals stecken, als ich das Gespräch zweier Herren am Nebentisch mitbekomme. In Salzburg beginnen diese Woche die Festspiele. Morgen ist die Premiere des Jedermanns. Die Buhlschaft spielt heuer Verena Altenberger. Für die Rolle einer Krebskranken in einem Film hat sich die Schauspielerin eine Glatze rasieren lassen. Mittlerweile hat sie schon wieder eine “Igelfrisur”, welche ihr, wie ich finde, ausgezeichnet steht. Die beiden Herren aber finden, eine Buhlschaft muss lange Haare haben, was ist sie sonst für eine Buhlschaft. Puh, ich kann nur den Kopf schütteln. In welcher Zeit bitte leben wir?

“Sie sind so schön mit Glatze, ich würde mir an Ihrer Stelle danach eine Kurzhaarfrisur überlegen”, sagte mir meine Ärztin. Ich freute mich über ihr Kompliment. Viel mehr aber noch gefiel mir das Wort “danach”. Es machte mir Mut, nämlich konnte ich davon ausgehen, dass es ein “danach” für mich geben wird. Eine Perücke wurde mir angeboten, doch ich entschied mich dagegen. Ganz furchtbar jucken sollte eine solche nämlich. Außerdem bedeutete meine Glatze ein Zu-mir-selber-Stehen. Doch so manches Mal bereute ich es dann doch, dass ich mir keine Perücke hatte anfertigen lassen. Besonders dann, wenn die Blicke der Gesellschaft besonders mitleidig waren.

“Für mich bist du auch ohne Haare schön”, sagte mein damaliger Freund zu mir, während er mir über meinen Kopf streichelte. Was hatte ich für ein Glück, dass ich nicht auf meine Haare oder eben auf deren derzeit Nicht-vorhanden-Sein, reduziert wurde. Trotzdem freute er sich, als die Haare dann wieder gewachsen sind. Und ich erst!

Ich mag Haare sehr. Und doch kommt es für mich in Wirklichkeit viel mehr auf andere Dinge an.

Ich wünsche mir, dass Verena Altenberger die Buhlschaft ohne Perücke spielt, und während ich diese Worte schreibe, frage ich mich, ob es okay ist, es mir zu wünschen. Ob es mir zusteht! Geht es mich doch eigentlich nichts an. Und ja, es ist in Ordnung, dass ich es mir wünsche, wäre es, wie ich finde, ein starkes Zeichen einer öffentlichen Person, das zu leben, was man will und so zu sein, wie man ist. Ein Klischee würde sie brechen, wie ich finde.

Sowieso aber werde ich nie einen Menschen auf sein Aussehen reduzieren. Und doch freue ich mich, dass ich Haare habe. Sie bedeuten nämlich auch, dass ich keine Therapie mehr brauche. Und tatsächlich fühle ich mich schöner mit Haaren. Aber auch eine Frau mit Glatze ist für mich nicht weniger weiblich als eine mit Haaren.

© Kristina Fenninger 2021-07-16

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