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#kindheitserinnerungen#brauchtum#adventzeit

Kletzen

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Kletzen | story.one

FrĂŒher war es der Brauch, dass die armen Leute in der Vorweihnachtszeit von Haus zu Haus zogen und um Gaben baten. Stets waren sie vermummt, denn wer wollte schon beim Betteln erkannt werden! Im Advent waren die Menschen immer milder gestimmt, und so konnten die Anklöpfler ihren Vorrat fĂŒr Weihnachten ordentlich aufbessern. Sie bekamen frische selbstgeschlagene Butter, Speck, Äpfel, NĂŒsse, Brot, manchmal ein paar Pfennige und Kletzen, also gedörrte Birnen.

Die Kletzen waren es auch, die einen Brauch, den ich aus meiner Kindheit kenne, ihren Namen gaben. An den drei Donnerstagen vor den Adventssonntagen zogen auch wir mit Geschwistern und Freunden vor Einbruch der Dunkelheit von Haus zu Haus und klopften an. Wir hatten HĂŒte auf und alte MĂ€ntel von den Erwachsenen an. In unsere Gesichterchen hatten wir Ruß geschmiert. Auch hatten wir Holzstecken wie die Hirten, Laternen und JutesĂ€cke fĂŒr die Gaben dabei. Am Donnerstag vor dem vierten Advent war es nicht mehr erlaubt, »Kletzei« zu gehen. Man sagte, wenn man es doch tut, so geht der Teufel mit.

Wochen vorher schon studierten wir in gemĂŒtlicher Runde ein Lied ein. Daran kann ich mich auch heute noch genau erinnern:

Wir ziehen daher - so spÀt in der Nacht - denn heit is die heilige Oklöpferlnacht - denn heit is die heilige Oklöpferlnacht.

Meistens hatten wir GlĂŒck, und die TĂŒren wurden uns freundlich geöffnet. Wir trugen unser Lied vor und bekamen dafĂŒr SĂŒĂŸigkeiten. Selten aber doch manchmal ein paar Mark, was uns immer besonders freute. Als Dank fĂŒr die freundlichen Gaben trugen wir die zweite Strophe unseres Liedes vor:

Wir kinnan ned bleim - mia miassn jetzt geh - fĂŒr des wos ma kriagt ham bedank ma uns schee - fĂŒr des wos ma kriagt ham bedank ma uns schee.

Tagein tagaus naschten wir nun von den herrlichen SĂŒĂŸigkeiten. Wir teilten uns unseren Vorrat gut ein, und so reichte er weit ĂŒber die Weihnachtszeit hinaus.

Auch jetzt, schon lĂ€ngst erwachsen, begleiten mich die gedörrten Birnen noch immer. NĂ€mlich backe ich in der Vorweihnachtszeit immer Kletzenbrot. Es beinhaltet neben den Kletzen andere getrocknete FrĂŒchte und NĂŒsse. Mit frischer Butter und einer heißen Tasse Kaffee schmeckt es mir besonders gut.

Seit heuer im FrĂŒhling kenne ich einen Obdachlosen. In unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden erspĂ€ht er mich in der Stadt und bittet mich um etwas zu essen oder um ein Bier, weil er gerade Geburtstag hatte. Wenn ich ihn jetzt im Advent treffe, so wird er ein Kletzenbrot von mir bekommen.

Denn das ganze Leben besteht aus Nehmen und viel mehr Geben, wie einst STS sangen.

© Kristina Fenninger 2020-12-06

menschenliebeLast CHRISTMAS

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