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#eigenartig

Lila

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Lila | story.one

Freitagabend. Sie sitzt im Bademantel auf der Terrasse. Es regnet. Die Füße spüren die kalten Fliesen. Nicht allzu weit entfernt geht ein Blitz nieder. Tief atmet sie die frische Luft ein und lässt die vergangene Woche Revue passieren.

Sie ist müde. Eine durchtanzte Vollmondnacht und zwischenmenschliche Konflikte sind schuld daran. Nein, schuld sind nicht die anderen. Schuld ist sie selbst, weil sie sich so manches noch immer zu sehr zu Herzen nimmt. Doch es wird besser, sie arbeitet daran.

Die Müdigkeit jedenfalls löst einen rauschähnlichen Zustand bei ihr aus. Es fühlt sich an, als ob sie zu viel Alkohol getrunken hat. Dabei hatte sie nur zu wenig geschlafen. Schon einige Tage dauert dieser Zustand an. Doch irgendwie ist dieser auch schön. Die verrücktesten Ideen kommen ihr:

Ein Papagei muss her. Bunt. Sie liebt bunt. Sie tauft ihn auf den Namen Joe. Nur das beste Futter bekommt er. “Imperial“ heißt die Mischung, die sie ihm füttert. Sie freut sich sehr über sein Dasein.

Einen Tag später ist sie auf den Weg in die Stadt. Ein Lastwagen kommt ihr entgegen. „Wie lässig es doch wäre, einen solchen zu lenken und als Kraftfahrerin zu arbeiten?“, überlegt sie. Sie sieht sich bereits im LKW die steile Gebirgsstraße hoch düsen, die Rock-Musik laut aufgedreht. In der Mittagspause wird sie im eiskalten Bergsee baden. Um ihren Hunger zu stillen, wird sie sich ein Wiener Schnitzel mit Pommes, Salat und ein Himbeer-Soda mit Zitrone in einem gemütlichen urigen Gastgarten mit schattenspendenden Kastanienbäumen bestellen.

Weil so eine richtig lässige Truckerin halt auch Tätowierungen am Arm braucht, um besonders cool zu sein, macht sie sich einen Termin in einem Studio aus, welches anbietet, Kunstwerke für immer in die Haut zu stechen. Was genau sie sich tätowieren lassen will, weiß sie noch nicht. Ein paar Tage hat sie noch zum Überlegen Zeit. Bunt müssen sie auf jeden Fall sein die Tätowierungen. Hauptsache bunt.

Auch einen peppigen Haarschnitt will sie sich verpassen lassen. Während die Friseurin Stufen in ihre Haare schneidet und sie am Kaffee nippt, beschließt sie, dass sie einen lila-glitzernden Lidschatten braucht. Sie geht also danach in die Drogerie und kauft sich einen solchen. Sie trägt ihn auf und marschiert frohen Herzens durch die Stadt. Die Leute lächeln sie an. Sie freut sich und lächelt zurück. Schon seit längerer Zeit fällt ihr auf, dass sie plötzlich gesehen wird. Sie glaubt, dass ihre Ausstrahlung sich verändert hat.

Wie schön doch das Leben ist. Übrigens: in der Phantasie ist alles möglich, da kann aus ihr sogar ein tätowiertes Trucker-Babe werden, welches einen Papagei hat, der ihr jeden Tag aufs neue einen guten Morgen wünscht.

© Kristina Fenninger 2020-07-11

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