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#urlioma#unvergessen

Mariechen saß weinend im Garten

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Mariechen saß weinend im Garten | story.one

"Mariechen saß weinend im Garten, im Grase lag schlummernd ihr Kind. Mit ihren goldblonden Locken spielt säuselnd der Abendwind ..."

Stundenlang saß Anna, die Uroma vom Sebastian, im Garten und sang dieses Lied. Die Sonne brannte dabei ihre zarte Haut auf.

Sebastian lauschte ihrem Gesang und erblickte dabei stets Tränen, die aus ihren Augen kullerten. Die Uroma tat ihm sehr leid.

In dem Lied geht es um eine Mutter, einen Vater und ihr gemeinsames Kind. Der Vater hat sich entschlossen, die Familie zu verlassen. Nun ist Mariechen allein mit ihrem Kind. Sie ist so traurig darüber, dass sie sich am liebsten mit ihrem Kind in die hohe See stürzen würde. Doch das Lachen des Kindes versöhnt sie dann.

"Nein, nein, wir wollen leben, wir beide, du und ich, deinem Vater sei alles vergeben, so glücklich machst du mich."

Anna wurde nicht vom Vater ihrer Kinder verlassen, vielmehr war es der Krieg, der zwei ihrer Söhne das Leben gekostet hatte. Der eine wurde auf hoher See durch einen Kopfschuss getötet, der zweite war in Russland gefallen. Der dritte Sohn von Anna galt lange als vermisst, genauso wie ihr Ehemann.

Die Trauer um ihre beiden gefallenen Söhne brachte sie fast um. Doch hielt sie die Hoffnung, dass ihr Mann und ihr dritter Sohn doch noch heil vom Krieg heimkommen würden, am Leben. Sie hatte so ein tiefes inneres Gefühl ...

Eines Tages war Anna gerade beim Wäscheaufhängen, als sie schon von weitem zwei Männer erblickte. Der eine winkte ihr zu, der andere ging einfach neben ihm. Bald konnte sie erkennen, dass es sich um ihren Mann Sepp und ihren Sohn Matthias handelte.

Regungslos blieb sie stehen. Sie war nicht bemächtigt, einen Schritt auf die beiden Männer zuzumachen. Sie konnte es nicht fassen.

Sie sank ins Gras, und es war ihr Sohn Matthias, der ihr seine Hände entgegenstreckte, um ihr aufzuhelfen. Dann umarmte er seine Mama ganz fest.

Tränen rannen über ihre Gesichter.

Sie gingen ins Haus, und Anna kochte den beiden ausgehungerten Männern Kartoffeln. Geredet wurde nichts. Sowieso hat der Krieg die Sprache des Sepp mitgenommen, und sein Herz ist zu Stein geworden. Er blieb lebenslänglich sprachlos und gewalttätig.

Jahre später lernte Matthias eine Frau namens Johanna beim Tanzen kennen.

Die beiden heirateten bald. Ein einziger Sohn wurde ihnen geschenkt. Sie tauften ihn ebenfalls auf den Namen Matthias. Dieser Matthias war der Vater von Sebastian.

"Mariechen saß weinend im Garten, im Grase lag schlummernd ihr Kind. Mit ihren goldblonden Locken spiel säuselnd der Abendwind …"

Den Verlust ihrer Söhne hatte Anna nie verkraftet. Wie auch? Auch dass ihr Mann so hart zu ihr geworden war, war sehr schlimm für sie. Doch sie wusste, es war nicht seine Schuld, sondern die eines fürchterlichen Krieges.

Doch ihr Urenkel Sebastian schaffte es immer wieder aufs Neue, sie glücklich zu machen. Er war ein Geschenk Gottes, und sie liebte ihn über alles. Es hatte sich gelohnt, durchzuhalten.

"Dem Krieg sei alles vergeben, so glücklich machst du mich…"

© Kristina Fenninger 2021-05-13

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