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Meine Hand und die Birne

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Meine Hand und die Birne | story.one

Obgleich sich heute der Spätsommer nocheinmal von seiner allerbesten Seite zeigt, fröstelt es mich. Die Alm (so wird ein Kanal in Salzburg, welcher der Königseeache entspringt, von den Einheimischen liebevoll genannt) ist bereits eiskalt. Die Temperaturen halten mich aber nicht davon ab, einen Schwimmer zu tun. Meine Haut prickelt. Schnell wechsle ich vom nassen Bikini zu Pulli und Hose.

Meine Freundin gießt mir inzwischen heißen Kaffee aus der Thermoskanne ein. Er und die Sonne wärmen mich. Wie gut das doch tut.

Wir beide, meine Freundin und ich, plaudern dann über Gott und die Welt und halten uns die Bäuche vor lauter Lachen, einfach nur, weil wir so witzige Gesprächsthemen haben. Leichtigkeit und Lebensfreude macht sich breit.

Spaziergänger gehen vorbei. Manche grußlos, andere wiederum schenken uns ein freundliches Lächeln.

Irgendwann packt meine Freundin dann frisches Obst aus ihrer bunten Strandtasche aus, und reicht mir eine Birne. Ich berühre die Haut der Frucht. Leicht ledrig fühlt sie sich an. Ich beiße hinein. Wie saftig sie doch ist, und wie herrlich sie nach Sommer schmeckt.

Während ich kaue, gleitet mein Blick nach rechts. Ein Mann mit einem riesigen, etwas zerfledderten Strohhut fällt mir auf. Wie ein Honigkuchenpferd grinst er mich an, um mir wenige Augenblicke seine Hand entgegenzustrecken. Natürlich bin ich erstmal sehr überrascht. Dann aber strecke auch ich ihm meine Hand entgegen. Blitzschnell zieht er seine jetzt zurück, um wenige Sekunden später aber mit seinen Händen mir wieder nahezukommen und mir beinahe im Gesicht herumzufuchteln. Das ist mir jetzt doch zu viel. Ich rutsche etwas zurück.

"Was will der bloß?", überlege ich. Ich schaue meine Freundin an. Sie zuckt ratlos mit den Schultern. Der Mann steht immer noch wild gestikulierend bei mir. Irgendwann reiche ich ihm dann meine fast zur Gänze aufgegessen Birne. Jetzt fühlt er sich verstanden, grinst erneut wie ein Honigkuchenpferd und lässt sich meine Birne schmecken. Saft der Frucht rinnt ihm aus den Mundwinkeln aus. Ich strahle ihn an und freue mich.

Zufrieden geht er weiter, der Mann, der wohl Trisomie 21 oder Ähnliches hat. Wie leicht es doch manchmal geht, jemanden eine Freude zu machen.

Ich wechsle Pulli und Hose nocheinmal gegen meinen Bikini und tauche unter im eiskalten Nass.

Auf dem Nachhauseweg kaufe ich mir am Markt eine Birne, denke an den Mann von vorhin und beiße hinein in die Frucht. That's Altweibersummer!

© Kristina Fenninger 2021-09-06

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