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#corcooning

Meine kleine große Welt

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Meine kleine große Welt | story.one

So kalt kann es nicht sein - wenn ich freihabe, sitze ich seit der Ausgangsbeschränkung nachmittags auf dem Balkon, eingewickelt in Decken, eine Tasse mit heißem Kaffee in der Hand. Am Mittwoch genieße ich selbstgemachten Hefezopf. Am Vormittag habe ich ihn gebacken. Ich lasse mir viel Zeit und knete den geschmeidigen Teig besonders gut durch. Ich liebe es, Hefeteig zuzubereiten.

Der Wind bläst, doch auf meinem Balkon ist es angenehm. Die Sonne wärmt mein Gesicht. Sie tut einfach gut.

Ich beobachte dann immer die Menschen, die sich draußen aufhalten. Ein Yogi, der seine Übungen macht. Ich muss lachen, es schaut so witzig aus. Natürlich ist mein Lachen kein Auslachen.

Die Nachbar-Schwestern spazieren in der Wiese. Sie sind fröhlich. Ein Mädchen hat eine Tasse in der Hand, unterm Gehen nippt sie dran. Ich liebe lachende Gesichter.

An einem Strauch, der im Moment noch etwas kahl ist, wurde ein blauer Wollfaden angebracht. Er weht im Wind!

Besonders berührt hat mich ein kleines Mädchen, welches mit ihrer Mama vorbeiradelt: „Mama schau, da war ich mal mit der T.“, sagt es und deutet auf unser Haus. Die T. war ihre Tagesmutter. Sie besuchten mich und meine Tageskinder ein einziges Mal. Bestimmt war der Besuch schon 2,5 Jahre her und sie damals vielleicht 2 Jahre alt. Ich bin erstaunt, dass sie sich noch erinnern kann.

Wenn die Sonne langsam untergeht, gehe ich in die Hütte, um Holz zu holen und Feuer im Ofen zu machen. Dabei komme ich an einem Kalender vorbei, den mir ein Freund geschenkt hat. Auf dem Kalenderblatt vom März sind Küchenschellen abgebildet. Meine Schwester liebt diese Blumen sehr. Ich denke an sie.

Auch frage ich mich, wie es dem Freund, der mir den Kalender geschenkt hat, wohl gehen wird. Ganz viel Zeit hat er in den letzten Jahren im Krankenhaus verbringen müssen. Isoliert. Und jetzt ist er wieder “eingesperrt“ und darf keinen Besuch bekommen.

Ich entfache das Feuer im Ofen und setze mich an unseren langen Küchentisch. Eine Hälfte davon nutzen wir eben, um dort unser Essen einzunehmen. Auf der anderen Hälfte sind seit Wochen Wasserfarben, Papier, als Wassergefäß zum Auswaschen des Pinsels ein Fanbecher, welcher mich an ein längst vergangenes Konzert erinnern lässt, angesiedelt.

Ich setze mich hin und lasse das weiße Papier bunt werden. Anschließend schreibe ich ein paar nette Worte drauf und adressiere den Brief eben an diesen Freund.

Dann fällt mir auch der W. wieder ein. Zur Weihnachtszeit hat er mich in Salzburg in einer Gasse angesprochen und sich gewünscht, dass ich ihm eine Postkarte schicke. Er bekommt solche von mir von einigen Orten, die ich seitdem besucht habe. Seit 2 Wochen ist das halt nicht möglich, das freie Rumreisen. Doch bestimmt freut er sich über bunte Post. Vielleicht kann auch in meiner derzeit beschränkten Welt für jemand anderen etwas Großes entstehen.

Ich kann nicht ins Konzert, und auch nicht nach Barcelona in diesen Wochen. Doch mein Geist ist auf Reisen und entdeckt sehr Vieles in mir Angelegtes.

© Kristina Fenninger 2020-03-27

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