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#leichtigkeit#traurigkeit#kinderlos

Noch einmal ein Kind sein!

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Noch einmal ein Kind sein! | story.one

Ich sitze in einem Gasthaus in Wien. Da ich allein bin, hat mich der Wirt an seinen Stammplatz gebeten. Lange dauert es nicht, dann nimmt ein junger Mann an unserem Tisch Platz. Er ist ein Freund des Wirtes. Er erzÀhlt mir von seiner Arbeit, wÀhrend ich einfach nur in Ruhe mein Wiener Schnitzel essen will. Mit einem Ohr höre ich ihm zu.

„Wenn du fertig gegessen hast, zeige ich dir meinen »kleinen Mann«“, sagt er zu mir, und ich breche in schallendes GelĂ€chter aus. „Oh Gott, was habe ich nur gesagt?“ Schnell ist ihm klar, wie ich das mit dem »kleinen Mann« verstanden haben muss. Er meint allerdings nicht seinen wohl besten Freund, sondern sein Pferd, welches in den Stallungen der Spanischen Hofreitschule steht. Das lasse ich mir dann gerne zeigen.

FĂŒr den nĂ€chsten Tag lĂ€dt er mich nun zu einer Vorstellung ein, bei der er und sein »kleiner Mann« mitreiten. Ich aber habe ganz andere PlĂ€ne:

Mit den Öffis mache ich mich auf den Weg. Erst besuche ich das Hundertwasserhaus und das Kunstmuseum. Im Shop kaufe ich mir mehrfarbige Stifte. Da lacht das Herz. Ich liebe Stifte, bunt sowieso, deshalb auch Hundertwasser. Weiter geht es dann zum Prater. Ich schlendere durch die Allee. Ich kann mich gar nicht erinnern, dass Wien so grĂŒn ist. Ich liebe grĂŒn. Deshalb auch Hundertwasser. Aus den Ohrenstöpseln tönt Musik, mein Lebenselixier.

Nach langem Fußmarsch komme ich dann endlich im Prater an. Lachende Kinderaugen blicken in meine. Ich freue mich darĂŒber, und doch tut es mir derzeit oft sehr weh. Wahrscheinlich werde ich nie eigene Kinder bekommen können. Ich lasse den Schmerz zu. TrĂ€nen laufen mitten im VergnĂŒgungspark ĂŒber meine Wangen.

Momente spĂ€ter beschließe ich dann, mich heute gut um mein eigenes Inneres Kind zu kĂŒmmern. Ich kaufe mir einen Chip fĂŒr das wohl weltweit höchste Kettenkarussell. WĂ€hrend ich anstehe und das ĂŒber mir schwebende Karussell beobachte, bekomme ich es ehrlich ein wenig mit der Angst zu tun. Kurz bin ich davor umzudrehen und meinen Chip herzuschenken. Vor mir aber steht ein etwa fĂŒnfjĂ€hriges MĂ€dchen mit ihrer Mama in der Schlange. Es macht mir Mut. Augenblicke spĂ€ter bin ich dann auch schon hoch ĂŒber Wien. Meine Haare flattern im Wind. Ich fĂŒhle mich leicht und frei. Die Ausblicke wirklich wunderbar. Besonders der auf den Stephansdom. Als ich wieder Boden unter den FĂŒĂŸen spĂŒre, beschließe ich, dass es jetzt Zeit fĂŒr Zuckerwatte ist. Ich kaufe mir welche und strahle mit den Kindern um die Wette. Ein paar FahrgeschĂ€fte besuche ich noch, bevor ich den Prater glĂŒcklich verlasse. Bestimmt komme ich wieder mal, mit dem Autoscooter habe ich noch eine Rechnung offen.

Ich merke, wie gut es mir tut, Zeit einfach mit mir allein zu verbringen. Abends im Hotel trinke ich zwischen Efeu, GemÀuern und Grillenzirpen einen Schluck Rotwein, ehe ich zufrieden mit mir und der Welt einschlafe. Ich trÀume diese Nacht vom »kleinen Mann«. Aber mein »kleiner Mann« ist kein Pferd in der Hofreitschule, sondern ein buntes Einhorn mit einem Menschenkopf.

© Kristina Fenninger 2021-08-26

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