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Nur selten dringt an meinem Ohr...

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Nur selten dringt an meinem Ohr... | story.one

... das Lied der Dankbarkeit, singt die wunderbare EAV.

Als ich im Krankenhaus wegen einer ernsthaften Erkrankung war, dachte ich, was fĂŒr ein dankbarer Mensch ich erst werde, wenn ich das alles ĂŒberstanden hab. Doch ich wurde nicht der Mensch, den ich erwartet habe, Ă€rgere mich noch immer ĂŒber Dinge, die es wirklich nicht wert sind, sich darĂŒber aufzuregen. Die tiefe Dankbarkeit, lebendig davongekommen zu sein, blieb meiner Meinung nach zu oft aus.

Heute ging ich mit meinem Hund spazieren. Was fĂŒr ein wunderschöner Herbsttag. Schon seit Tagen ĂŒberlegte ich, ob ich nochmal in den See zum Baden gehen soll in diesem Jahr. Aber ich traute mich nicht. Ich wollte keinen Krankenstand riskieren. Heute konnte ich nicht anders. Ich brachte meinen Hund nach Hause, schmiss mich in den Bikini, und ab ging es an den See. Wie schön, dass er so nahe ist. Ich nahm Anlauf, weil, wenn langsam reingegangen, wĂ€re es wahrscheinlich nichts geworden mit dem Baden.

Wow, wie herrlich. Ich schwamm meine Runden. Danach zog ich mich schnell um. Wie herrlich prickelnd sich meine Haut anfĂŒhlte! Ich suchte mir eine Bank, ließ die Sonne in mein Gesicht scheinen, und nahm einen wĂ€rmenden Schluck Tee aus meiner Thermoskanne.

Die letzte Zeit, der Sommer, kam mir in den Sinn. Wie schön sie / er doch war! Ich habe tolle Konzerte erleben dĂŒrfen in diesem Jahr, die mich nicht nur einmal zur Eskalation gebracht haben, einfach, weil sie so toll waren. Und vieles, vieles mehr.

Jede Menge gelacht hab ich mit meinem Freund. Wie leicht sich das Leben doch anfĂŒhlen kann?

Viel Zeit habe ich mit der Familie verbracht, die mich wachsen lÀsst.

Auch hab ich ganz viele Momente mit Freunden verleben dĂŒrfen. Wie schön es doch ist, solche zu haben. Welche wirklich Freunde sind, hab ich in Zeiten der Krankheit spĂŒren dĂŒrfen.

FreudentrĂ€nen liefen mir ĂŒber mein Gesicht. Mir wurde bewusst, dass die Sache mit dem Krebs auch ganz anders hĂ€tte ausgehen können. Es hĂ€tte sein können, dass er mich besiegt und nicht ich ihn. Das, nicht zuletzt oder vielleicht sogar zuallererst, wegen der guten Medizin in Österreich.

Ein Schauer durchfÀhrt meinen Körper, wÀhrend ich diese Worte schreibe, obwohl die Sonne gerade noch auf mich scheint.

Ich (wir) bin (sind) einfach auf den richtigen Kontinenten geboren. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und das nicht nur wegen der erstklassigen Medizin.

Nein, auch noch wegen unzÀhliger Dinge mehr.

Und immer öfter dringt es an mein Ohr, das Lied der Dankbarkeit.

© Kristina Fenninger 2019-10-01

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