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#nimmsmithumor

Oma, Blut und Weihnachten

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Oma, Blut und Weihnachten | story.one

Die Advents- und Weihnachtszeit ist ihr immer sehr wichtig, meiner Oma. Im SpĂ€tsommer erntet sie Holunderbeeren und macht daraus einen bereits weihnachtlichen Likör mit Zimt und Vanille. Kurz vor dem ersten Advent geht sie in den Wald und holt Daxen, mit denen sie die Stube schmĂŒckt. NatĂŒrlich werden auch Kekse gebacken. Zu dieser besonderen Zeit ist es bei meiner Oma immer ausgesprochen gemĂŒtlich.

Wir schreiben das Jahr 1998. Einen Monat vor Weihnachten kommt mein Opa bei einem tragischen Unfall viel zu jung ums Leben. Doch auch in diesem Jahr sind Oma ihre Rituale sehr wichtig. Sie geben ihr Halt und Kraft.

Viele SchicksalsschlĂ€ge muss sie im Laufe der Zeit einstecken. So ist auch das Jahr 2018 ein fĂŒr uns als Familie sehr herausforderndes. Ich erkranke an einer akuten LeukĂ€mie. Oma leidet sehr darunter.

Doch auch in diesem Jahr hĂ€lt sie an ihren BrĂ€uchen fest. Sie macht Likör, den ich so sehr liebe. Sie schmĂŒckt. Sie bĂ€ckt.

Es sind noch ein paar Wochen bis Weihnachten, als ihr der Arzt dringend zu einer Darmspiegelung rĂ€t. Sie selbst war es, die Blut in ihrem Stuhl gesichtet hat. Sie ist folgsam und lĂ€sst die Untersuchung ĂŒber sich ergehen. Oma ist ja wirklich ĂŒberhaupt nicht wehleidig. Doch erzĂ€hlt sie, wie unangenehm und grausig die Spiegelung war. Wenige Tage vor dem Fest dann die Entwarnung. Es ist alles in Ordnung. Voller Freude macht sich Oma an den Weihnachtseinkauf. Als sie dann Rana, also Rote Beete entdeckt, fĂ€llt es ihr wie Schuppen von den Augen. „Was bin ich nur fĂŒr ein Rindvieh?“, sagt sie so laut, dass die anderen EinkĂ€ufer sie verblĂŒfft anschauen. Jetzt weiß sie, was ihren Stuhl gefĂ€rbt hat und ihn so aussehen ließ, als wĂ€re Blut drinnen gewesen. Sie lacht laut auf. Freudig gibt sie dieses WintergemĂŒse, das sie so sehr liebt, in den Einkaufswagen.

Wenige Tage spĂ€ter ist Heiliger Abend. Oma macht sich besonders hĂŒbsch, denn es gibt allen Grund zu feiern. Nach der Kinder-, denn die Mitternachsmette ist ihr zu spĂ€t, geht sie zu Fuß nach Hause. Das Dorf ist weihnachtlich beleuchtet. Vor den HĂ€usern stehen brennenden Kerzen. In Oma macht sich ein weihnachtliches GefĂŒhl breit. Zu Hause angekommen, isst sie genĂŒsslich ihren Rana Salat - eine weitere Spiegelung hat sie nicht zu befĂŒrchten - wĂ€hrend ihr Blick auf den Christbaum mit den brennenden Bienenwachskerzen gerichtet ist. Ein paar kleine PĂ€ckchen liegen unter den Baum. Doch das grĂ¶ĂŸte Geschenk hat sie schon bekommen. NĂ€mlich bin ich wieder gesund geworden. Und sofern es das Universum zulĂ€sst, werden wir heuer ein paar Stamperl weihnachtlichen Holunderlikör gemeinsam genießen. Die Oma und ich. Frohe Weihnachten!

© Kristina Fenninger 2020-11-30

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