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#nimmsmithumor#räuchern

Schall und Rauch

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Schall und Rauch | story.one

Die Luft ist geschwängert. Es riecht nach Misteln, Wacholder, Fichtenharz und Weihrauch. Zwar glaube ich nicht an böse Geister, sehr wohl aber an schlechte Energien. Und weil ich halt nicht genau weiß, welche schlechten Energien durch die WG fließen, wird sie jetzt vor Weihnachten komplett durchgeräuchert. Meine Mitbewohner dulden das. Kräuter nämlich sind ihnen wohl bekannt. Zwar eher ein anderes Kraut - aber Kraut bleibt Kraut. Nein, nein, das war nur ein Spaß. Sie sind ja wirklich alle völlig clean hier. Und damit jetzt eben auch die Luft sauber wird, eben das Räuchern. So auch heute am Morgen.

Ich setze frischen Filterkaffee auf, als es plötzlich ganz plötzlich an der Tür klopft. Ein Handwerker steht davor, er will den Balkon reparieren. Nicht, dass wir zur Weihnacht noch durchbrennen, ähh, durchbrechen.

Frohen Mutes bittet der WG-Chef ihn herein. Er ist ein Bekannter von ihm. Ob er denn auch eine Tasse frischen Kaffee will, frage ich ihn. Da sagt er nicht nein. Ich schenke ihm ein Häferl ein und serviere auch ein paar selbstgebackene Lebkuchenmänner. Plötzlich beginnt der Gast schrecklich zu niesen. Was denn los sei, will ich wissen.

„Hier stinkt es ganz fürchterlich“, antwortet er mir, und seine Augen tränen. Ich lösche die Räucherung, schlechte Energien hin oder her. Was sein muss, muss sein. Schließlich ist der Gast König, nicht, dass er mir hier noch kollabiert.

Doch er will sich nicht recht beruhigen. Ich stehe auf, um ihm ein Glas Wasser zu holen.

„Diese Hexe!“, sagt er ganz laut, während ich ihm den Rücken zudrehe.

„Wie bitte?“

„Nein, nein, nicht du! Meine Exfrau hat auch immer geräuchert, diese Hexe. Überall hatte sie Räucherstäbchen - überall. Wohl hatte es ihr auch den Verstand weggeräuchert, nämlich ist sie dann mit einem Yogi durchgebrannt. Doch lange hielt die Beziehung nicht. Sie war quasi wie Schall und Rauch. Dann ist sie wieder vor mir gestanden und hat mich angefleht, sie wieder zurückzunehmen. ‚Namaste‘, hat sie dann gesagt, was so viel heißt wie ‚ich verneige mich vor dir‘. Doch hat ihr das alles nichts mehr gebracht.“

Als ich die Stirn runzle, erklärt er mir, er sei jetzt allergisch gegen Frauen, die räuchern. Einen schrecklichen Niesanfall bekommt er dann immer.

Und bei unserem Balkon übrigens ist auch Hopfen und Malz verloren, da kann man quasi nichts mehr machen, meint der Handwerker.

„Nicht einmal verheizen kann man den Balkon noch, da er imprägniert ist“, erkläre ich dem WG-Obermieter. Das wären dann ja erst wieder schlechte Energien.

„Namaste, ich verneige mich vor deiner Weisheit“, sagt er zu mir. „Wenigstens hat es dir den Verstand nicht komplett weggeräuchert.“

© Kristina Fenninger 2020-12-24

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