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Scheinheilig

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Scheinheilig | story.one

Ich saß wohl sichtlich nervös im Wartezimmer.

Die nächste Kontrolluntersuchung stand an. Ich trug ein Kopftuch, und somit wusste auch meine Sitznachbarin, dass ich an Krebs leide, beziehungsweise litt.

Sie fragte mich, ob ich bei der Kirche sei. Ob ich bei der Kirche sei, nicht ob ich an Gott glaube. Ich erklärte ihr, dass ich schon vor Jahren ausgetreten bin. Daraufhin meinte sie, dass ihr der Glaube sehr hilft. Auch sie hatte eine schwere Zeit zu bewältigen.

Aha, dachte ich mir, jetzt sagt sie Glaube. Kirche und Glaube sind für mich zwei Paar Schuhe.

Ich glaube nicht, dass unser Gott gegen Homosexualität, Bisexualität (oder was auch immer), Verhütung und Sex vor der Ehe ist. Ebenso denke ich, hätte er nichts dagegen, wenn Frauen in der katholischen Kirche Pfarrerinnen werden dürften.

Wenn manche vor Gott heirateten, dann später einen anderen Partner heiraten, weil es mit dem ersten nicht funktioniert hat. Kann ja alles passieren. Ist menschlich.

Aber, dass sich Geistliche an Kindern vergehen und das dann auch noch zu vertuschen versuchen, das glaube ich, gefällt unserem Herrn nicht.

Ebenso wenig, dass jemandem der Lohn gepfändet wird, weil er die Kirchensteuer nicht bezahlen konnte.

Ich denke, ihm würde es besser gefallen, wenn mit dem Geld den Armen geholfen und nicht SÜNDhaft teure Kirchen gebaut werden würden.

Mit den Einstellungen der katholischen Kirche kann und will ich mich nicht identifizieren. Sicherlich hat sie auch ihre positiven Seiten. Für mich überwiegen aber in diesem Fall die negativen. Auch wenn ich der Meinung bin, dass es besser ist, immer eher auf die Stärken als auf die Schwächen zu schauen. Trotzdem.

Ich wünsche mir eine bunte, individuelle Welt, in der jeder Mensch so sein darf, wie er ist, das tun darf, was er will. Natürlich ohne die Würde eines anderen zu verletzen. Glauben kann ich ja trotzdem.

Ich erklärte dieser Dame das, und sie meinte, dass ich gar nicht so Unrecht habe. So verging die lange Wartezeit. Es war alles in Ordnung mit meinem Blut. Ich war natürlich sehr erleichtert. Und ich GLAUBE ganz fest, dass das auch in Zukunft so sein wird.

Der Glaube an etwas Positives versetzt manchmal wirklich Berge.

© Kristina Fenninger 2019-06-14

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