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#landleben#wg

Sodom und Gomorra

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Sodom und Gomorra | story.one

Es muss wohl ungefähr das Jahr 1972 gewesen sein, als meine Großtante Tine, die Schwester meiner Oma, das beschauliche bayrische Bergdörfchen mit seinen erzkatholischen Bewohnern verlies. Zum Studieren hatte es sie in die große weite Stadt Hamburg gezogen.

Der Mann längst tot, die andere Tochter bereits verheiratet, war es für meine Uroma nicht lustig, dass Tine nun "auswanderte".

Das Budget war knapp, so suchte sich Tine anstatt einer eigenen Wohnung eine Wohngemeinschaft. Was sich meine Uroma vorstellte, was in einer solchen WG alles passiert oder eben passieren kann, weiß ich nicht.

Doch als sie dann erfuhr, dass mit ihrer Tochter nicht nur Mädchen, sondern auch junge Männer zusammenwohnen, muss sie wohl völlig fertig mit der Welt gewesen sein.

In ihrer Sorge wandte sie sich an die Wochenzeitung Altbayrische Heimatpost, in der Mann oder Frau einer Kolumnistin Fragen aus den verschiedensten Bereichen des Lebens stellen konnten. Meine Uroma beschrieb in ihrem Brief die großen Sorgen um ihre in einer WG lebenden Tochter. Ihr Text wurde sogar in der Zeitung abgedruckt. Als ihr die Kolumnistin dann antwortete, dass es durchaus auch anständige und vernünftige Gemeinschaften gibt, war sie wohl etwas beruhigt.

Dass in der WG, in der ich jetzt lebe, immer nur Frauen einziehen, das regelt meine Uroma vom Himmel aus, da bin ich mir ganz sicher.

© Kristina Fenninger 2021-05-30

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