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THE SWAN

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THE SWAN | story.one

Ich sperre die Bad-Tür zu, um sie nur einen Moment später wieder aufzusperren. Man hat es mir verboten zuzusperren. „Wenn Sie ohnmächtig werden, wie sollen wir Sie bitte raus bekommen?“, fragte mich die Ärztin mehrmals eindringlich.

Ich habe keine Kraft heute. Die Therapie setzt mir so sehr zu. Das war schon öfter so in letzter Zeit, doch irgendwie konnte ich mich immer motivieren, ein paar Meter zu gehen oder meine erschlaffenden Muskeln am Ergometer zu trainieren.

Doch heute fühle ich mich nicht in der Lage, zu duschen. Aber ich muss. Tägliche Hygiene ist sehr wichtig hier auf dieser Station. So gehe ich also ins Bad. Meine Knie zittern. Der Boden unter mir wankt.

Ich habe Angst und überlege mir, Hilfe zu holen. Doch ich bin zu stolz dazu. An Zusperren denke ich gar nicht heute. Ich entledige mich meines Nachthemdes und schaue mir meinen Körper an. Es ist wahrlich nicht mehr viel übrig geblieben von mir. Deshalb werde ich schon seit Tagen künstlich ernährt. Ich stelle mich unter den Duschkopf und lasse warmes Wasser auf meinen Körper laufen. Auf das scharfe Duschgel verzichte ich. Ich weiß nämlich bereits aus Erfahrung, dass es meine ausgetrocknete Haut so sehr reizt, dass es weh tut. Danach tupfe ich meine Haut vorsichtig mit dem Handtuch ab und mache mich auf den Weg zurück zu meinem Bett. Meine Augen erblicken einen Schwan. Liebevoll von der Krankenschwester aus Frottee geformt. Ich freue mich so sehr, dass ich weinen muss. Vorsichtig damit er nicht zusammenfällt, streichle ich ihm über den Kopf. Die Schwester kommt rein zu mir, und ich sage ihr, dass ich das Gefühl habe, dass ich nicht mehr kann, dass ich einfach nicht mehr kann. „Aber du hast doch deinen Freund, Freunde und deine Familie. Du hast doch ein Leben. Du weißt doch, wofür du kämpfst“, sagt sie zu mir. Ja, sie hat recht. Ich weiß, wofür ich kämpfe, und deshalb kämpfe ich weiter, solange ich eben noch zu kämpfen habe. Und ich weiß ja, dass es hoffentlich nicht mehr allzu lange sein wird. Gut drei Jahre ist dieser Tag jetzt her. Dieser Tage gehe ich mit meinem Hund am See spazieren. Ein Schwan landet elegant auf dem Wasser. Ich muss schmunzeln, halte inne und streichle über seinen Kopf. Nein, diesmal nicht über den Kopf eines Schwanes, diesmal über den Kopf meines Hundes. Ich erinnere mich zurück an diese schwierige Zeit und schaue mir mein Leben an. Ja, ich weiß, wofür es sich gelohnt hat, so sehr zu kämpfen. Tränen der Freude rinnen über mein Gesicht. Und für einen Moment bin ich so stolz wie ein Schwan, mindestens so stolz wie ein Schwan, es geschafft zu haben.

© Kristina Fenninger 2021-10-08

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