skip to main content

#1sommer1buch

Türkis

  • 208
Türkis | story.one

Sie sitzt da und trinkt ihren Espresso. An ihre Berufsschullehrerin muss sie dabei denken. Ein Lächeln huscht ihr übers Gesicht. „Einen Espresso trinkt man schwarz wie die Nacht, heiß wie die Hölle und süß wie die Liebe“, lehrte sie ihre Schüler*innen.

Apropos heiß: Sehr warm wird auch ihr gerade. Die Sonne steht hoch am Himmel. Ihr Blick schweift hinunter zum Wasser. Sie trinkt ihren Kaffee, legt ein paar Münzen auf den Tisch, nimmt ihre Badetasche und macht sich zu Fuß auf den Weg runter zum See. Im Strandbad ist viel los heute. Etwas zu viel für ihren Geschmack. Sie meidet die Liegefläche und sucht sich ein einsames Plätzchen im Gebüsch des Ufers. Hier ist sie ganz für sich. Zumindest denkt sie so. Sie zieht bis auf ihr Badehöschen alles aus. Frei und unbeengt will sie sein. Sie nimmt Anlauf und rennt ins kühle Nass. Dabei schneidet sie sich an einem Stein den Fuß auf. Doch davon lässt sie sich nicht beirren. Sie schwimmt ein paar Meter. Plötzlich hört sie Stimmen. Zwei junge Burschen blödeln am Ufer herum. „Auweia!“ Schon öfters hatte sie doch G'schichtln gehört, dass nackt Badenden die Sachen versteckt worden sind. Doch was soll sie jetzt tun? So will sie nicht hinaus. So will sie sich den Burschen nicht zeigen. Sie schwimmt weiter. Taucht ein in dieses herrliche Türkis, um wenige Sekunden später wieder aufzutauchen. In keinem Meer der Welt kann es schöner sein. Da ist sie sich gerade sicher.

Doch sieht sie sich auch fast nackt zum Auto gehen. Irgendwann aber sind die beiden Burschen verschwunden. Sie geht an Land, trocknet sich ab und zieht sich an. Ihr Blick schweift noch einmal auf den See hinaus. Auf ihrer Haut prickelt es. Sie spürt das Leben.

Jetzt macht sie sich auf den Weg zu ihrem Auto, welches sie bei Bekannten parkt. Man sagt ihr, dass der See heute besonders türkis sei. So wunderbar wie heute ist er nur sehr selten. Da meint es wohl jemand besonders gut mit ihr. Sie steigt ins Auto und dreht die Musik lauf auf. Es ist Sommer. „36 Grad, und es wird noch heißer, mach den Beat nie wieder leiser,...“, dröhnt aus den Boxen.

Daheim ölt sie sich mit ihrem glitzernden Körperöl ein. Sie hat es geschenkt bekommen. Selber kaufen würde sie sich so eines nicht. Glitzer am Körper mag sie nämlich eigentlich nicht. Eigentlich. Doch heute ist ihr danach. Der Glitzer überträgt sich auf die Kleidung.

Und türkis ist die Farbe dieses Sommers. Ihres Sommers.

Türkis mit ein bisschen Glitzer.

Und schmecken tut er süß.

Manchmal ist er auch ein wenig schwarz. Aber nur manchmal.

Sonst süß.

© Kristina Fenninger 2020-07-18

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.