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#salzburglove#menschenliebe

Vom Geben und Nehmen

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Vom Geben und Nehmen | story.one

Ich spazierte durch die adventlich geschmückten Straßen Salzburgs. Mein Weg führte zum Christkindlmarkt am Domplatz. Dort war ich mit einer Freundin auf einen Glühwein verabredet.

Plötzlich sprach mich ein Mann mittleren Alters an: „Entschuldigung“, sagte er. „Ja, bitte“, antwortete ich. Er sah etwas traurig aus. Außerdem war er sehr dünn. „Bestimmt hat er Hunger und will Geld von mir“, so meine Gedanken, bevor er auf mein „Ja, bitte“ antworten konnte.

Doch alles kam ganz anders: „Können Sie mir eine Postkarte schicken?“, fragte er mich. Ich lächelte doch etwas verwundert und antwortete mit einem Ja. Daraufhin zog er ganz schüchtern einen handgeschriebenen Zettel mit seiner Adresse aus der Jackentasche. Ich nahm ihn entgegen, wünschte ihm alles Gute, und wir verabschiedeten uns.

„Komisch, wieso will der denn eine Karte aus Salzburg, wo er doch gerade selbst in Salzburg ist?“, das waren meine Gedanken.

„Vielleicht sammelt er solche? Oder er hat niemanden und ist einsam und hat das Bedürfnis wahrgenommen zu werden?“, kam mir in den Sinn. Allerdings natürlich ohne wirklich zu wissen, was ihn tatsächlich dazu veranlasste, einen ihm fremden Menschen um Post zu bitten.

Mit dem Lächeln, das er mir ins Gesicht zauberte, setzte ich meinen Weg fort und strahlte die Menschen an, die mir entgegenkamen. Einige lachten herzlich zurück. Dabei vergaß ich ganz die Sorgen um die vielleicht zu Hause brennen gelassene Kerze. So hatte jeder was davon. Er die Freude über die Karte, die er bekommen wird, ich ein sorgloses Lächeln im Gesicht. Und die Leute, die mir entgegenkamen, wurden ebenso mit solch einem beschenkt. Und auch ich bekam mehrere freundliche Gesichter zurück. „Wie schön es ist, Freude zu teilen!“

Ich entdeckte einen Ansichtskartenständer und wählte sorgfältig eine für mich schöne Karte aus. Morgen dann macht sie sich auf den Weg zum Adressierten. Vielleicht huscht dann auch ein Lächeln über sein Gesicht, wenn er sie in den Händen hält, und er freut sich darüber, dass es nicht nur leere Worte waren, die ich gemacht hatte. Davon geh ich aus und freue mich dann wiederum, jemandem einen Funken seelische Wärme geschenkt zu haben.

Mehrere Wochen schon studierte ich an einer Weihnachtsgeschichte. Gerne wollte ich eine solche schreiben, aber bis heute mochte mir nicht so recht eine einfallen. Doch dies ist sie jetzt. Meine Weihnachtsgeschichte.

Wenn jeder ein klein wenig für sich Sinnvolles und nach den eigenen Möglichkeiten gibt, dann hat wieder jemand anderes was davon. Damit hat man dann die Welt ein kleines bisschen besser gemacht. Und genau das ist es, das für mich diese und überhaupt jede Zeit ausmacht.

„Es muss von Herzen kommen, was auf Herzen wirken soll“, schrieb einst Johann von Goethe. Für mich sind das sehr weise Worte.

© Kristina Fenninger 2019-12-11

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