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Zwischen Himmel und Erde

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Zwischen Himmel und Erde | story.one

Ich sitze am Schreibtisch und schreibe meine Gedanken mit einer Füllfeder nieder. Das Schriftstück ist nur für mich selbst bestimmt, um manches zu verarbeiten. Leonard Cohen singt "Thanks for the Dance". Bei "one two three - one two three - one" singe ich leise mit.Das Räuchergefäß gibt den Duft von Kräutern frei. Ich blicke aus dem Fenster. Nebelschwaden ziehen vorüber.

Bevor mir die Decke auf den Kopf zu fallen droht, beschließe ich, einen kleinen Ausflug zu machen. Ich setze mich in mein Auto und fahre in einen hoch gelegenen Wald. Hier oben fange ich die letzten Sonnenstrahlen ein. Raureif liegt bereits auf den Bäumen. Ich lehne mich an einen Jagdstand an und trinke schwarzen Tee aus der Thermoskanne. Nach ein paar Momenten des Innehaltens gehe ich zu meinem Auto. Zurück will ich noch nicht, und so beschließe ich, weiterzufahren, an den Irrsee. Die Dämmerung setzt bereits ein.

Ich erblicke unzählige Misteln auf den Bäumen. Obwohl diese Pflanzen zu den Halbschmarotzern gehören, da sie die benötigte Flüssigkeit und die meisten Nährstoffe, die sie zum Wachsen benötigen, aus den Bäumen ziehen, mag ich sie besonders in der Adventszeit sehr gerne. Sie haben so etwas Magisches für mich. Leider sind sie immer so weit oben am Baum, dass ich nicht hinkomme, um mir welche zu stibitzen. Doch heute scheint es, dass ich Glück habe. Direkt neben der Straße erspähe ich einen Baum mit Misteln in Reichweite, unweit eines alten Bauernhauses. Ich lenke meinen Wagen auf die Seite und steige aus. Ganz verstohlen blicke ich um mich. Schließlich will ich nicht unbedingt auf frischer Tat ertappt werden. Inzwischen ist es dunkel geworden, doch der fast volle Mond scheint am Himmel.

Die Druiden haben die Mistel früher mit einer goldenen Sichel geerntet, doch mir muss meine bloße Hand reichen. Gerade als ich mich ausstrecke, um einen Busch zu greifen, höre ich Geräusche. Ich erschrecke und blicke mich um. Augenblicklich aber entspanne ich mich wieder, da es nur eine Katze ist, welche mich bei meinem Vorhaben ertappt. Sie streicht mir jetzt anschmiegsam um die Beine und wird mich nicht verraten, da bin ich mir sicher. Ich hocke mich jetzt zu ihr runter und streichle über ihr hellbraunes weiches Fell. Ihre grünen Augen blicken mich an. Ich hebe sie auf, und sie gibt mir einen Nasenstupser. Wohl weiß sie auch Bescheid, dass man sich unterm Mistelzweig küssen soll. Das bringt den Paaren Glück. Doch sie muss wieder runter. Schließlich habe ich mein Ziel noch nicht erreicht. Doch dem wird auch nicht so sein, denn meine Arme sind zu kurz. So hängen die Misteln weiterhin oben am Baum und verbinden Himmel und Erde. Und ich sauge noch einmal die mystische Stimmung kraftvoll in mich auf, ehe ich mich auf den Weg nach Hause mache. Ohne Glück bringende Misteln. Und trotzdem fühle ich mich für einen Augenblick glücklich und frei, dazu braucht es keinen Mistelzweig. Dazu brauche ich mich in diesem Moment nur selbst.

© Kristina Fenninger 2020-11-29

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