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#armut#bruder#neubeginn

6. Klostersuppe

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6. Klostersuppe | story.one

"In Vorarlberg gibt es jetzt keinen Schnee und ich habe in Bregenz schon ein kleines Zimmer. Dort kannst du bei mir wohnen. Und eine gute Stelle im BĂŒro eines großen Elektrohauses habe ich auch schon fĂŒr dich." So redete mein Bruder Thomas auf mich ein. "Ja, aber unsere Mutter weiß nichts davon." "Macht nichts", sagte er, "ich werde ihr schon schreiben." Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Alles schien so verlockend. "Schau", sagte er, "ich werde schon alles fĂŒr dich regeln. Der Zug fĂ€hrt gleich ab, komm steig schnell ein." So kam ich nach Vorarlberg.

Wir kamen in Bregenz an und gingen gleich zu seinem Zimmer. Es war nicht weit vom Bahnhof entfernt, in einem alten einstöckigen Haus. Wir wollten gerade das Zimmer betreten. In diesem Moment hörten wir eine Stimme hinter uns: "Nix da", sagte diese Stimme und wandte sich Thomas zu, "du hast das Zimmer bis jetzt nicht bezahlt und nun bringst du auch noch jemanden mit. Pack deine Sachen und raus mit euch." "Oje", dachte ich, "ein schöner Empfang."

"Und wohin jetzt im JĂ€nner bei dieser KĂ€lte?" Mein Bruder sagte: "Ich weiß zwar nicht wohin, aber mir fĂ€llt ein, dass es in der NĂ€he ein ganz altes Hochhaus gibt, noch mit Holzstiegen, keinem Lift. Dort wohnt im achten Stock eine Frau Walter. Sie ist gehbehindert und schon alt. Die braucht oft Kohle und Holz. Dort könnten wir fragen, ob sie uns vorĂŒbergehend im Gang oder auf dem Boden schlafen lĂ€sst." Wir gingen zu ihr und sie erkannte Thomas gleich. "Ja wen bringst du denn da mit?", fragte Frau Walter. "Das ist mein Bruder Toni. Bitte Frau Walter, könnten ich und mein Bruder ein paar Tage bei ihnen im Gang oder sonst wo schlafen. Ich habe nĂ€mlich mein Zimmer aufgeben mĂŒssen." So erfuhr sie auch, wie ich nach Vorarlberg kam und bot uns eine Schlafmöglichkeit an.

Thomas ging am nÀchsten Tag zu seinem Studium und ich war Frau Walter behilflich. Sie hatte eine Zither und bat mich, irgendetwas darauf zu spielen. Ich konnte ja nicht Zither spielen, aber um ihr den Gefallen zu tun, spielte ich so gut ich es zusammenbrachte die Melodie "Die Vöglein im Walde". Sie lachte vor Freude und so wurden wir Freunde und sie half uns. Wir durften bei ihr bleiben.

Thomas kam am Abend mit folgender Botschaft zurĂŒck: "Leider Toni, die von mir versprochene Stelle fĂŒr dich im großen ElektrogeschĂ€ft ist schon vergeben." "Oje", dachte ich, "wieder kein GlĂŒck." Thomas studierte unter Tags und am Abend arbeitete er fĂŒr die Finanzierung seines Studiums bei verschiedenen Firmen. Er verdiente gerade so viel, dass er das Studium bezahlen konnte. FĂŒr mich bekamen wir dann doch noch in der "Elektricus Volta" in Bregenz eine Arbeit. Bis jetzt haben wir uns von der Wasser-Grießsuppe mittags bei den Kapuzinern und der Brotsuppe abends im Kloster Thalbach ernĂ€hrt. Thomas sagte immer: "Du brauchst keine Angst haben, verhungern werden wir nicht."

© Kurt Mikula 2019-08-30

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