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#lebensziel#zusammenleben#hausboot

Auf den Wassern des Lebens

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Auf den Wassern des Lebens | story.one

Ich verließ den Hafen meiner Kindheit und fuhr mit meinem Einhandsegler aufs offene Meer hinaus. Ohne Karte und ohne Kompass. Nicht einmal eine Rettungsweste hatte ich mit im GepĂ€ck. Egal.

Das Leben war mein großer Plan, das Abenteuer mein Ziel und meine NaivitĂ€t gab mir Sicherheit.

Ich zischte mit meiner zerbrechlichen Nussschale blitzschnell ĂŒber die schaumgekrönten KĂ€mme und spaltete mit dem Bug die Wellen. Den Gegenwind der Freiheit im Gesicht. Das Ruder fest in der Hand. Manchmal sah ich in den Höhen und Tiefen der wogenden Schaumkronen kein Land mehr. In den StĂŒrmen war ich allein auf mich gestellt. Das war ein hoher Preis fĂŒr meine Freiheit.

Wer nicht weiß, in welchen Hafen er segeln will, fĂŒr den ist kein Wind gĂŒnstig. Mir war der Hafen wurscht. Ich wollte das Leben spĂŒren. Die raue See.

Als die Sonne, das Meer wieder glattstrich, warteten schon die nÀchsten Herausforderungen auf mich. SandbÀnke aus Vorschriften und Dogmen die mich bremsen wollten. Schroffe Felsklippen aus althergebrachten Konventionen, an denen ich vorbeischrammte, ehe sie mich brechen konnten. Und auch die Untiefen der ersten verlorenen Liebe blieben mir nicht verborgen.

Dann war ich vierundzwanzig und lernte Esther kennen. Sofort tauschte ich meinen Einhandsegler gegen eine Schinakl ein. Das ist in der österreichischen Umgangssprache ein kleines wackeliges Boot ohne Segel. Leute, die nicht schwimmen können oder Angst vorm Wasser haben, sollten lieber ein Schiff nehmen. Esther und ich schaukelten unbeschwert herum, lachten viel miteinander und erreichten nach drei Jahren den Hafen der Ehe.

Dort tauschten wir unser Schiffchen gegen ein grĂ¶ĂŸeres Boot. Ein Hausboot. Denn in der Zwischenzeit hatten sich auch noch zwei blinde Passagiere eingenistet. Um die hatten wir uns auch noch zu kĂŒmmern. Jetzt wars vorbei mit der Schinaklschaukelei. Wir beide mussten die Aufgaben einer ganzen Schiffsmannschaft ĂŒbernehmen. Esther war Schiffskoch, Segeltuchmacher, Deckschrupper und Matrose. Ich war Schiffsjunge, Schiffszimmermann, Segelsetzer und Steuermann. Die KapitĂ€nsrolle teilten wir uns. Ehrlich gesagt, auch die des Steuermanns. Manchmal kamen wir uns vor wie auf einer unterbesetzen Schiffsgaleere. Wir ruderten und ruderten und fielen nachts erschöpft in unsere Kojen. Nach 25 Jahren verabschiedeten sich unsere beiden MitfahrgĂ€ste.

Abermals tauschten wir unser schwimmendes GefĂ€hrt. Diesmal gegen ein kleines, aber feines KajĂŒtboot. Damit tuckern wir zurzeit auf den KanĂ€len unserer neu gewonnenen Freiheit herum. ÜberflĂŒssigen Ballast haben wir ĂŒber Bord geworfen. Darum gibt es auch nicht mehr viel zu tun. Wir liegen am Sonnendeck und das Leben zieht mit sechs km/h an uns vorbei. Wir schauen den Wolken nach, staunen, sind dankbar und genießen.

Manchmal, wenn uns die Abenteuerlust ĂŒberkommt, holen wir unser Kanu vom Vorderdeck und paddeln durch unbekannte NebenkanĂ€le einem neuen kleinem Abendteuer entgegen. Carpe Diem!

© Kurt Mikula 2021-04-03

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