skip to main content

#verlassenwerden#veränderungzulassen#ausgebrannt

Chancenlose Liebe

  • 216
Chancenlose Liebe | story.one

Sie, ganz in Weiß mit einem selbstgepflückten Margeritenstrauß. Er, in der Gendarmerie-Uniform. Das machte Eindruck. Für einen eigenen Hochzeitsanzug reichte das Geld nicht. Das war auch nicht wichtig. Ich betrachte das Hochzeitsbild. Die beiden lieben sich. Daran gibt es keinen Zweifel.

Mit der Kraft des unbändigen Willens, für seine Familie ein Zuhause zu schaffen, hob mein Vater mit Schaufel und Schubkarren die Baugrube für den Keller aus, brannte, aus Spargründen, die Lehmziegel selbst und mauerte allein die Wände hoch. “Ich war ein Schinder”, sagte er über sich selbst. Meine Mutter schenkte ihm dafür im Gegenzug vier stramme, quirlige Jungs. Mein Vater war stolz, meine Mutter war glücklich.

Mitten in dieses Familienglück schlug das Schicksal mit voller Härte hinein. Meine Mutter wurde krank. Diagnose Schizophrenie. Sie kam für ein Jahr in die geschlossene Abteilung der Nervenheilanstalt. Dann holte sie mein Vater, auf eigene Verantwortung, wieder raus. Aufgedunsen, verzögert, mit Elektroschocks behandelt und mit Medikamenten vollgepumpt.

Das war nicht mehr die Frau, die er einmal kannte. Mein Vater lehrte sie wieder lesen, schreiben, einkaufen, den Haushalt führen und sich um uns Kinder zu kümmern. Das gelang ihr auch immer besser. Sie versuchten auch wieder für die Liebe zwischen Ihnen einen Platz zu finden. Aber gegen die manischen Depressionen, den Verfolgungswahn und die schizophrenen Schübe, hatte die Liebe keine Chance mehr.

Nach acht Jahren war mein Vater am Ende seiner Kräfte und ließ sich scheiden. Er ging in seine geliebte Heimat Kärnten zurück. Wir Kinder blieben bei Mama. Der Jüngste von uns war gerade acht, der Älteste achtzehn Jahre.

Jahre später, ich war inzwischen selbst verheiratet und hatte Kinder, machte ich eine Familienaufstellung. Mein Vater war einfach von heute auf morgen nicht mehr da. Er hatte mich verlassen und ich hatte keine Erinnerung an den Abschied. Ich denke, das nennt man Verdrängung. Das wollte ich genauer anschauen.

Ich meldete mich sofort für die Aufstellung. Doch der Leiter meinte nur, ich soll mir noch etwas Zeit lassen.

Am Abend schoss mir plötzlich ein Gedanke ein. Ruf Papa doch an und frag ihn einfach. Zwanzig Jahre schon trage ich diese Frage mit mir herum. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, sie ihm zu stellen. Ich ging zur nächsten Telefonzelle und wählte seine Nummer. Er hob sofort ab.

Obwohl ich ihn nur selten anrief, klang er nicht überrascht. Ohne Umschweife fragte ich: “Hast du dich nach der Scheidung eigentlich von mir verabschiedet, bevor du nach Kärnten gingst?” “Nein, das habe ich nicht. Es hätte mir das Herz gebrochen, mich von euch Jungs zu verabschieden. Ich bin einfach in der Nacht still und heimlich verschwunden. Und das tut mir heute noch leid.” Das war vielleicht nicht das, was ich hören wollte. Aber es war ehrlich und ich war versöhnt. Danke Papa. Familienaufstellung brauchte ich keine mehr.

Hochzeitsfoto meiner Eltern 1957

© Kurt Mikula 2021-04-16

familienwahnsinnVon Tränen, Schmerz und VerzweiflungKindheitMann und FrauGeschichten aus dem Leben Trauer bewältigen, loslassen, Unglück Ahoi!Liebe anders.Love-StoriesDer eigene Rucksack

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.