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#armut#beruf#schule

5. Das geschenkte Abschlusszeugnis

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5. Das geschenkte Abschlusszeugnis | story.one

Ich hatte ein ganz gutes Abschlusszeugnis aus meiner Hauptschulzeit 1941 - 1945. Nur mit "Sehr Gut" und "Gut". Deshalb sagte mein großer Bruder Thomas zu unserer Mutter: "Den Toni muss man weiter in die Schule gehen lassen." Keiner glaubte mir, dass ich fast alle Noten geschenkt bekam. Die Lehrer in der Schule waren nĂ€mlich der Meinung, dass wir Kinder durch den Krieg schon genug gestraft waren. Deshalb bekamen wir nur gute Noten. Die dritte und vierte Klasse Hauptschule besuchte ich insgesamt nur fĂŒr drei bis vier Monate, da die Schulen durch die vielen Bombenangriffe meistens gesperrt waren. Ich musste also in die Handelsschule, obwohl ich gerne einen handwerklichen Beruf erlernt hĂ€tte. Mit MĂŒh und Krach kam ich durch die Handelsschule. Die zweite Klasse musste ich wiederholen.

Schon zu dieser Zeit spielte ich auf der Knopfharmonika. Als Harmonikaspieler grĂŒndete ich gemeinsam mit meinem Nachbarsfreund, dem Schuster-Pepi, die Schuhplattler und Trachtengruppe "Die Rosentaler". Er war der Vorplattler, ich spielte auf der Ziehharmonika. Wir hatten sogar einen Auftritt in Wien.

Nach der Handelsschule bekam ich keine Stellung in KĂ€rnten. Meine Mutter sagte oft: "Toni, du wirst noch im Leben genug arbeiten. Bleib bei mir zu Hause und hilf mir bei der Arbeit auf dem Feld, im Stall und im Wald." Ich tat es gerne, auch wenn ich nichts verdiente.

Durch mein Musizieren, manchmal auch in der Hauptschule in St. Jakob, erfuhr die Direktorin von meiner Arbeitslosigkeit. Sie besorgte mir eine Praktikumsstelle in der Firma Klade in Velden, einer Gemischtwarenhandlung. Obwohl ich dort als Handelsschul-Praktikant angestellt wurde, wurde ich dort als gewöhnlicher Lehrling behandelt und durfte nur Laufburschen TĂ€tigkeiten machen. Es war keine gute Stelle. Aber die große Wende meines Lebens sollte bald folgen.

Ich war gerade daheim, als meine Mutter einen Telefonanruf bekam. Sie soll meinem Bruder Thomas ein paar Sachen zum Hauptbahnhof Villach bringen. Er will von dort weiter nach Vorarlberg fahren, um sein Handelsakademie-Studium abzuschließen. Meine Mutter sagte: "Bitte Toni, bring du den Koffer dem Thomas." Ich weiß noch genau, es war der 21. JĂ€nner 1950, mitten im Winter und sehr kalt. Meine Winterbekleidung war sehr dĂŒrftig und im Zug nach Villach war es bitterkalt. Die ZĂŒge waren damals, kurz nach dem Krieg, schlecht geheizt. Am Villacher Bahnhof wartete schon mein Bruder auf mich. Wir begrĂŒĂŸten uns herzlich. Thomas sagte mir auch, dass er in Graz zum fertig studieren war. Doch in Graz konnte er das Studium nicht finanzieren. Er erfuhr, dass man in Vorarlberg bessere Möglichkeiten hatte. So will er gleich mit dem nĂ€chsten Zug nach Vorarlberg weiterfahren.

Ich wollte schon wieder zurĂŒck nach Hause fahren, als mein Bruder so ĂŒberzeugend auf mich einredete, ich soll doch mit nach Vorarlberg fahren. Dort wĂŒrde auch auf mich ein besseres Leben warten.

Bild: Ich mit meiner Familie und Verwandten vor dem Elternhaus

© Kurt Mikula 2019-07-18

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