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#engagement#ehrenamt#caritas

Ich sag nur: Halleluja

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Ich sag nur: Halleluja | story.one

Es gibt Situationen, die sind sowas von peinlich. Stell dir folgendes Szenario vor: Samstagvormittag im Shopping-Center. Es herrscht ein reges Durcheinander. Inmitten der wurligen Menschenmenge steigst du seelenruhig auf einen Stuhl und beginnst lautstark und inbrĂŒnstig das Halleluja von Georg Friedrich HĂ€ndel zu intonieren. Die Menschen um dich versteinern augenblicklich und starren dich an. Sowas ist richtig peinlich! Oder? So was VerrĂŒcktes trau ich mich nie, hab ich gedacht. Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Man muss nicht alles glauben, was man denkt. Hab mich nĂ€mlich doch getraut. Da staunste, was? Naja, ich will ehrlich bleiben: Dabei haben mir zweihundert VerbĂŒndete geholfen.

Ich drĂŒcke mal die Resett-Taste einen Monat zurĂŒck. Mein Bruder Andreas ruft mich an: “He, Kurt, bei uns ist eine coole Aktion geplant. Die Young-Caritas sucht fĂŒr einen musikalischen Flashmob noch SĂ€nger. Wir singen das HĂ€ndel-Halleluja. Bist du dabei?” “Klar!”, schoss es aus mir heraus. Ich bin zwar nicht mehr so Young, aber ich liebe “Hendl”😉. Ich hatte schon von diesen scheinbar spontanen Menschenansammlungen gehört, die wie aus dem Nichts auftauchen, irgendwelche skurrilen Dinge machen und Augenblicke spĂ€ter wieder im Nichts verschwinden. ZurĂŒck bleiben die verdutzten Zuschauer.

Die HĂ€ndel-Geheimmission wurde penibel vorbereitet. Jeder Eingeweihte erhielt die Chornoten vorab und hatte die Aufgabe, sich seine zugeteilte Stimme, ich wurde fĂŒr den Tenor auserkoren, in seinem KĂ€mmerlein anzueignen.

Dann kam der Tag X. Wir trafen uns zum ersten Mal, kurz vor der Performance, am vereinbarten Treffpunkt zur Einsatzbesprechung. 200 aufgeregte SĂ€nger und SĂ€ngerinnen hatten sich fĂŒr die geheime Mission eingefunden. Gemeinsam planten wir unsere weitere Vorgehensweise. Unsere Strategie war einfach und genial: Kleingruppen bilden, sich unauffĂ€llig unters Einkaufsvolk mischen, ein bisschen umherschlendern, und ganz wichtig, möglichst unschuldig tun. Das war am schwersten.

PĂŒnktlich um 15:30 gab es eine Lautsprecherdurchsage. Das war mit dem Einkaufszentrum so abgesprochen: “Der kleine Reinhard möge bitte an der Kassa abgeholt werden.” Das war unser Zeichen. Die Orchestermusik wurde ĂŒber Lautsprecher eingespielt und die ersten SĂ€nger begannen auf der Rolltreppe den Choral anzustimmen. Ich sprang auf einen Stuhl und sang lauthals mit. Innerhalb weniger Sekunden vibrierte das Shopping-Center unter dem himmlischen Gesang von HĂ€ndels Messias. Manche Leute blieben irritiert stehen und staunten. Andere lĂ€chelten erfreut. Am Schluss gab es einen riesigen Applaus. Was fĂŒr eine großartige Stimmung. Und schon war der Spuk vorbei.

Hintergrund fĂŒr dieses musikalische Experiment war ein Videowettbewerb der EU-Kommission zum internationalen Jahr des Ehrenamtes. Deswegen wurde die Aktion auch gefilmt. Womit wieder bewiesen wurde: Engagement ist ansteckend, und kein Ort ist davor sicher.

© Kurt Mikula 2021-05-20

Menschen verbindenDas hab ich noch nie gemacht!Alltagskomik

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