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#horror#mutter#tochter

Das Monster im Schrank

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Das Monster im Schrank | story.one

“Bekomm ich noch eine Gute-Nacht-Geschichte?”

Deine Tochter Emily liegt mit bis zur Nase hochgezogener Decke im Bett und sieht dich mit ihren großen, blauen Augen an – eines der wenigen Merkmale, die Emily von ihrem Vater geerbt hatte. Und eines der Merkmale, das dich immer noch jeden Tag an ihn erinnert.

Du lächelst sie an und erzählst Emily ihre Lieblingsgeschichte. Schon nach wenigen Minuten fallen ihre Äuglein zu und sie ist in einen tiefen, ruhigen Schlaf gesunken. Für kurze Zeit beobachtest du noch, wie sich die Decke unter ihrem Atem rhytmisch auf- und abbewegt, dann drückst du ihr einen Kuss auf die Stirn und verlässt ihr Zimmer. Wie immer bleibt die Tür dabei einen Spalt auf, wobei du dir mittlerweile nicht mehr sicher bist, ob das zu Emilys oder deiner Beruhigung beitragen soll.

Gerade als du dich mit einem Glas Chardonnay auf die Couch setzen willst, um wie jeden Abend die Fernsehsender nach etwas zu durchforsten, zu dem du deinen Tag ausklingen lassen kannst, hörst du ein eigenartiges Geräusch aus dem Zimmer deiner Tochter. Stirnrunzelnd erhebst du dich wieder und öffnest die Tür zu Emilys Kinderzimmer.

Sie liegt unverändert da, ihre Augen sind geschlossen und ihre Atemzüge langsam und regelmäßig. Gerade als du das Geräusch als einen Streich deines überbesorgten Unterbewusstseins abtun willst, fällt dein Blick auf das Fenster neben Emilys Bettchen. Es steht einen Spalt weit offen.

Normalerweise lüftest du den Raum noch einmal, bevor Emily ins Bett geht, aber hast du das Fenster vorhin nicht schon geschlossen? Schulterzuckend drückst du das Fenster zu und schiebst den Riegel vor. Wahrscheinlich hattest du es heute einfach vergessen.

Du setzt dich wieder auf die Couch und siehst dir geistesabwesend irgendeine Krimi-Reihe an. Als du gerade bei deinem zweiten Glas Wein angekommen bist, hörst du die Stimme deiner Tochter aus ihrem Zimmer rufen.

“Mama! Mama! Da ist etwas in meinem Schrank!”

Seufzend gehst du in ihr Zimmer und setzt dich an ihr Bett. Es ist nicht das erste Mal, dass Emily den Schatten einer Wolke oder eine knarzende Diele als ein Monster fehlinterpretiert. Kinder in diesem Alter haben eben eine sehr bunte Vorstellungskraft.

“Ich hab dir doch schon gesagt, dass es keine Monster gibt, Liebling.” sagst du zu ihr und streichst das strohblonde Haar aus ihrem Gesicht. “Mach deine Augen wieder zu und schlaf. Da ist nichts in deinem Schrank.”

Gerade als du wieder gehen willst, packt sie deine Hand und zieht dich wieder zu ihr zurück. “Bitte sieh doch noch mal nach. Ich kann sonst nicht schlafen, Mama.” Ihre großen blauen Augen schauen verängstigt zu dir hoch und du nickst ihr lächelnd zu.

Du gehst zu ihrem kleinen Schrank und öffnest ihn. “Siehst du, da ist nie-” beginnst du, als du im Schrank deine Tochter Emily kauern siehst. Ihre Augen sind panisch geweitet, sie presst einen Zeigefinger auf ihre Lippen und flüstert: “Pscht, Mama. Da ist etwas in meinem Bett.”

© Laurentius 2021-02-23

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