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Baby (allein) an Bord

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Baby (allein) an Bord | story.one

„Sie müssen mir helfen!“, brüllte eine junge Frau über die Köpfe der wartenden Schlange hinweg.

„Bitte stellen sie sich hinten an“, erwiderte ich hinter dem Counter des Lost &Found-Schalters. „Ich kümmere mich um Ihr Anliegen, sobald Sie dran sind.“

Es war ein Samstag im Winter. Die Ankunftshalle des Salzburger Flughafen war wie immer an diesem Tag proppenvoll. Menschenmassen drängten sich um die Gepäckausgabebänder. Skitouristen aus Großbritannien, Skandinavien, Russland und Deutschland, die vom Airport weiter in die umliegenden Skigebiete reisen würden. Manche warteten bei mir am Schalter, weil ihr Koffer nicht angekommen oder beschädigt worden war.

„Das ist ein Notfall!“, schrie die Frau erneut, die sich ungerührt an der wartenden Meute vorbeigedrängt hatte.

„Brauchen Sie einen Sanitäter?“, fragte ich.Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Ich muss da wieder raus.“ Sie deutete in Richtung Flughafenvorfeld. „Zur Maschine.“

„Das geht nicht. Worum geht es denn?“

„Sie verstehen das nicht.“ Die Lippen der Frau bebten. „Mein Baby ist noch an Bord.“

Jetzt hatte sie meine volle Aufmerksamkeit. „Ihr Baby? Alleine?“

Die Frau schluchzte. „In einem Maxi-Cosi.“

Jeden Tag wurden unzählige Fundgegenstände am Airport verloren oder vergessen und ins Lost & Found gebracht, wo sie dann darauf warteten, dass der Besitzer sie abholte. Neben Schals, Handschuhen und Jacken, wurden nicht selten Reisedokumente, Geldtaschen, Handtaschen und sogar Laptops an Bord oder im Flughafengebäude gelassen. Aber ein Baby? Das hatten wir bislang noch nicht.

„Mit welchem Flug sind Sie gekommen? Und welchen Sitzplatz hatten Sie?“

„Mit HLX aus Hamburg“, erwiderte die Frau mit Tränen in den Augen. „24 A. Mein Mann und mein dreijähriger Sohn saßen auf 24 B und C.“

Ich schnappte mir das Funkgerät. „Rampe von TUIfly Flug 7452 bitte.“

Es rauschte im Äther. „Rampe hört.“

„Lost & Found hier. Wir vermissen etwas an Bord von Flug 7452. Reihe 24 A-C.“„Ich bin gerade dort. Schaue gleich mal nach.“

„Wunderbar, danke.“

„Wonach suche ich?“, fragte mein Kollege per Funk.

„Ich denke, du kannst es nicht übersehen. Es ist ein Maxi Cosi.“ Ich zögerte. „Mit einem Baby darin.“

Kurzes Schweigen am anderen Ende. Dann: „Ein BABY?“

Ich bestätigte. Die Frau weinte nun bitterlich. Ich tätschelte ihren Arm. „Alles wird gut.“

Die darauffolgende Minute zog sich endlos hin.„Ich hab das Kind“, erklärte mein Kollege schließlich. „Schläft tief und fest.“

Die Mutter bedankte sich überschwänglich, als mein Kollege kurz darauf das Maxi Cosi mit der wohl wertvollsten Fundsache ever in die Ankunftshalle brachte.

Es stellte sich heraus, dass sie unmittelbar nach der Landung die Toilette hatte aufsuchen müssen. Als sie zu ihrem Platz zurückgekehrt war, war ihr Mann mit ihrem Sohn bereits ausgestiegen. Auch das Handgepäck im Fach über ihren Sitzen war weg. Daher hatte sie – ohne sich zu vergewissern – angenommen, dass sich auch das Baby bei ihm befand.

© Lilly Frost 2021-02-07

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