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Den bin ich wohl los

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Den bin ich wohl los | story.one

2013 traf ich meine große Liebe. M. Ich fühlte mich wie in einem Hollywood-Streifen. Alles war perfekt. Ich war verliebt bis über beide Ohren. Und M. ging es nicht anders. Ich benahm mich als fast 40jährige schlimmer als meine beiden Teenager zu Hause. Wenige Wochen nach unserem ersten Date lebte M. praktisch bei uns. Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende …

Denkste! Denn wir erinnern uns: Zuhause gab es zwei Teenager, die dem plötzlichen Liebestaumel ihrer Mutter nicht viel abgewinnen konnten. Mein Sohn (knapp 16) war verhalten, aber bemüht rücksichtsvoll. Meine Tochter war 13 und auf dem Höhepunkt ihrer pubertären Auswüchse. Ihre Launen rollten über uns hinweg wie ein Tsunami und hinterließen nicht selten Verletzungen biblischen Ausmaßes. Eine wüste Beschimpfung oder eine zugeknallte Zimmertür, die die Fensterscheiben erzittern ließ, waren da noch die kleinen Unannehmlichkeiten im alltäglichen Zusammenleben.

Eines Abends, M. hatte Nachtdienst, erhielt ich einen Anruf von einer Freundin meiner Tochter. Ich solle rasch zum Europark kommen. Meiner Tochter gehe es schlecht. Als ich eintraf, empfing mich bereits die Polizei. Die Rettung war ebenfalls da. Mein Herz raste vor Angst. Ein weiteres Mädchen musste ins Krankenhaus gebracht werden. Verdacht auf Alkoholvergiftung. Auch meine Tochter war alkoholisiert. Offenbar waren die anderen „Freunde“ meiner Tochter abgehauen, als sie die Rettung verständigte, auch das Mädchen, das mich angerufen hatte. Wenigstens hatte meine Tochter hier verantwortungsvoll gehandelt. Mir schwirrte alles Mögliche durch den Kopf. Totalversagerin als Mutter. Mein Kind ist 13 und trinkt. Du hast sie nicht im Griff. Alles falsch gemacht. Ich folgte den Polizisten mit meiner Tochter im Wagen auf die Polizeistation. Daten wurden aufgenommen. Einer der jungen Polizeibeamten erklärte mir, dass das Jugendamt uns möglicherweise einen Besuch abstatten würde. Großartig! Wir fuhren schweigend nach Hause. Die Standpauke folgte am nächsten Tag. Das Handy wurde für zwei Wochen einkassiert. Hausarrest.

Drei Tage später war Heiligabend. Meine Tochter bekam eine neue Handyhülle geschenkt. Als sie merkte, dass auch diese nicht dazu führen würde, dass sie ihr Handy zurückerhalten würde, rastete sie aus. Es kam fast zu Handgreiflichkeiten zwischen uns beiden. So hatte ich sie noch nie erlebt! Ich hatte Angst, dass man mir mein Kind wegnehmen würde. M. wäre ich sowieso los. Welcher Mann wollte sich das geben?! Stattdessen schnappte er sich meine Tochter und ging mit ihr eine Runde spazieren. Er redete. Sie schwieg. Aber irgendwie hat er an diesem Abend das Eis gebrochen. Von da an hatten die beiden einen Draht zueinander. Und meine Tochter wurde von Tag zu Tag umgänglicher.

Meine Tochter ist mittlerweile eine wunderbare junge Frau. Wenn sie von M. und mir spricht, redet sie von ihren Eltern. M. ist übrigens geblieben. Wir sind immer noch bis über beide Ohren verliebt.

© Lilly Frost 2021-02-14

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