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#tod#hospiz#sterben

Das rote Pferd

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Das rote Pferd | story.one

Seit drei Wochen nun war Tante Erna Gast im Hospiz. Soweit ging es ihr noch ganz gut. Doch vor fünf Tagen rief mich Schwester Sara an: „Frau Mureau fragt immer wieder nach dem roten Pferd. Wissen Sie, was sie damit meinen könnte?“

Ich wusste es. Tante Erna sprach von Tintenklecks, ihrer Fuchsstute. Das sagte ich auch Schwester Sara.

„Tintenklecks wird nicht mehr geritten. Sie steht auf einer Weide am Stadtwald und bekommt Gnadenbrot. Sie hat meiner Tante immer viel bedeutet.“

Später rief mich Cousin Eugen an. Er ist Tante Ernas ältestes Kind. „Wir müssen die Tintenklecks zu Mutter bringen“, sagte er in beschwörenden Tonfall.

„Ja, vielleicht kann ja der Stallbesitzer das Pferd mal für ein Stündchen vorbeibringen“, meinte ich.

Zwei Tage später rollte Tintenklecks auf den Hof des Hospizes. Tante Erna rollte ebenfalls aus dem zweiten Stock via Fahrstuhl auf den Hof. Freudig strich sie ihrer Stute über die Nase.

Am Abend sagte Tante Erna zu Eugen „Wo ist denn das rote Pferd? Ich brauche mein rotes Pferd.“

Nachts erzählte mir Cousin Eugen: „Ich hab mit der Leitung gesprochen. Wir können die Wiese hinterm Hospiz einzäunen und einen provisorischen Stall bauen. Wenn Mutter in ihren letzten Wochen ihre verdammtes rotes Pferd in der Nähe haben will, dann bekommt sie halt das rote Pferd.“

Die vergangenen drei Tage verbrachten Schwester Sara, Eugen und ich damit einen Elektrozaun um die Wiese zu ziehen. Wir gingen die Wiese auf und ab und rissen alle Pflanzen aus dem Boden, die für die Stute giftig sein könnten. Innerhalb von einem Tag errichteten wir einen Unterstand aus Brettern. Ich war stolz auf uns.

Am frühen Abend, gerade hatten wir Tintenklecks in ihren neuen Stall geführt, standen wir um Tante Ernas Bett herum.

„Wo ist mein rotes Pferd?“, fragte Tante Erna wieder.

Eugen strahlte sie an: „Tintenklecks steht hinter dem Hof im Stall, Mutter. Du kannst sie jetzt so oft besuchen, wie du willst.“

Tante Erna seufzte. Es war ein langer Seufzer und es war, als ob mit diesem Seufzer etwas aus ihr heraus in den Raum entwich.

„Gut“, sagte Tante Erna und schlief ein.

Gerade schlägt die Uhr Mitternacht. Es ist kaum fünf Stunden her, dass wir bei Tante Erna ums Bett herum standen. Das Telefon klingelt. Es ist Schwester Sara: „Guten Abend. Ich möchte Ihnen mitteilen, dass Frau Mureau soeben verstorben ist.“

Foto©Laura Adai_unsplash.com

© Linn Schiffmann 2021-05-01

Vierbeiner Pferdefreunde

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