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Die Kopftuch-Weiber

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Die Kopftuch-Weiber | story.one

„Pass bloß auf, die sind mir nicht geheuer, diese Weiber!“ Stefan spähte durch einen Spalt im Vorhang. „Sie verfolgen uns ständig, ihre scheußlichen Kopftücher wollen sie verkaufen!“ Stefan holte mich ab. Damit ich ja nicht kneifen konnte. Leichtsinnigerweise hatte ich mich dazu überreden lassen, am Abend beim Cabaret-Programm des Ferienclubs auf Gran Canaria mitzumachen. Was damals in mich gefahren ist, ist mir bis heute schleierhaft.

Gäste aus verschiedenen Nationen sollten mitmachen. „Sei nicht so feig, erzähl einfach was aus deinem Heimatland, irgendetwas Witziges.“ Da ritt mich der Teufel: „Na gut, dann erzähl ich eben einen Witz!“ Das fanden die Animateure auch total witzig und die noch fehlende Nation war gefunden.

In meiner Urlaubsstimmung hatte ich aber etwas Wichtiges vergessen: Ich kann nicht gut Witze erzählen. Und jetzt fiel mir beim besten Willen kein einziger mehr ein. Was tun? Internet gab es noch nicht. Ich verkroch mich am Balkon und schaute auf die zwei in die Jahre gekommenen Damen, welche, gut behütet unter ihren Kopftüchern, nach Kundschaft Ausschau hielten.

Da schoss es mir durch den Kopf: Ich würde einfach einen Witz erfinden. Einen ganz Neuen. Ich schnappte mir also Block und Kuli. Am Abend wurde es ernst. Gewissenhaft hatte ich meine Vorbereitungen getroffen. Ein buntes Kopftuch zierte mein Haupt, der Wander-Rucksack lag neben mir am Boden, zwei gute Geister hatten mir klobige, ausgehatschte Schuhe geborgt.

Nach dreimaligem Räuspern erzählte ich meinen Witz: Eine ältere Bäuerin fuhr zum ersten Mal in ihrem Leben mit dem Zug. In die Stadt zum Patenkind, ein paar Tage Urlaub machen. Aber die ungewohnten Geräusche, dieses Geruckel, das Pfeifen der Lokomotive, das gefiel ihr gar nicht. So viel Hektik war sie nicht gewohnt. Vor allem mit ihrem Gegenüber hatte sie keine Freude. So ein junger Schnösel im Anzug, der auch noch Zigaretten rauchte! Als dieser dann verkündete, er begebe sich jetzt in den Speisewagen, hatte sie einen Einfall.

Sie fischte ihr zweites Kopftuch aus dem Rucksack (das „Gute“ behielt sie auf), zog einen Schuh aus und fabrizierte einen Verband um ihren Knöchel. Dann legte sie die Beine auf den freien Sitzplatz. Als der Mann zurückkam, lag sie leise stöhnend da. „Oje, Fuß verstaucht?“ Augen-Verdrehen, Schweigen. „Bleiben Sie nur liegen!“ Er zog sich auf den Gang zurück. Am Ziel-Bahnhof fragte er sie ganz besorgt: „Und – was haben Sie denn jetzt?“ Die Frau sprang auf, stopfte das Kopftuch in den Rucksack, fuhr in den Schuh, lachte ihn schelmisch an und erwiderte: „Na, was wohl? Urlaub!“

Das war's. Ich verbeugte mich vor dem Publikum und flüchtete von der Bühne. Etwas zeitverzögert kam es, das Lachen und auch der Applaus. Aber als ich stolperte und mir das Knie an einem Barhocker anstieß, kam Stimmung auf. Humpelnd verließ ich den Nachtclub und schwor bei allen Heiligen: Nie wieder erzähle ich einen Witz! Und, konsequent wie ich nun mal bin, habe ich mich bis heute daran gehalten.

© Lotte Maria Kaml 2021-09-15

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