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Zimmer, Küche, Kabinett

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Zimmer, Küche, Kabinett | story.one

Ein Mann wird das nie verstehen. Nie! Unbehelligt von Gedanken-Gängen, die Frauen wie mich plagen, fröhlich vor sich hin pfeifend, verlässt er das Haus. Ein kurzer, prüfender Griff an die Rückseite seines Knack-Arsches, also an die ausgebeulten hinteren Hosentaschen und alles ist klar. Links: Brieftasche. Rechts: Handy. Schlüsselbund in der Hand. Er ist bereit. Für alles, was der Tag so bringen mag.

Ganz anders sieht es da bei mir aus: Es ist mir praktisch unmöglich, aus dem Haus zu gehen, ohne gewisse Vorkehrungen zu treffen. Ohne Begleitung wage ich mich selten auf die Straße. Die Auswahl derselben ist nicht immer einfach. Sie sollte doch finanziell halbwegs im Rahmen bleiben, dazu attraktiv und zuverlässig sein. Dieser kleine Tick von mir hat einen geradezu dramatischen Hintergrund.

Als bekennender Krimi-Fan saß ich zu vorgerückter Stunde vor dem Fernseher. Die Leiche einer unbekannten jungen Frau wurde gefunden. Nach einem Aufruf im Fernsehen erkannte sie schließlich eine Freundin. Beinahe wäre sie die Nächste gewesen, also die mit durchgeschnittener Kehle, die Weggeworfene. Beide waren auf Wohnungs-Suche. „Zu vermieten: Zimmer, Küche, Kabinett“, stand im Anzeigenteil der Zeitung. Genau das, was sie suchten. Wie kann man nur so vertrauensselig sein und allein zu einem völlig fremden Mann in die Wohnung gehen? Auf die Schliche kam man dem Mörder dann mithilfe eines Lockvogels in Form einer Polizei-Beamtin. Logisch. Gähnend verzog ich mich ins Bett.

Am nächsten Tag ging mir dieser Krimi immer noch im Kopf herum. Eigentlich eine scheußliche Vorstellung, dachte ich. Stell dir vor, du bist tot und keiner weiß, wer du bist. Also echt! Ich griff nach meiner täglichen Begleitung. Mir könnte das nie passieren. Ich bin safe.

Mit Brieftasche, Handy, Autopapieren, Taschentüchern, Kosmetik-Täschchen mit kleinem Zubehör (Lippenstift, Wimperntusche, Parfüm-Probefläschchen, Handcreme in Reisegröße, Kamm, zwei eingeschweißten Schmerztabletten), Notizbuch, Kuli, Zigaretten, Feuerzeug, Desinfektions-Tüchlein, platzsparender Nylon-Einkaufstasche, Taschen-Alarm und Pfefferspray. Falls mich jemand überfallen sollte.

Ich kann es absolut nicht nachvollziehen, wenn meine Freundin wieder mal lästert: „Na, alles dabei? Deine Handtasche sieht aus, als ob du deinen halben Hausstand eingepackt hättest!“ Dabei krame ich bei Bedarf auch mal eine stylische Clutch heraus. Für das Aller-Nötigste. Gut, ich gebe ja zu, dass ich meine Schneiderin mal ganz nebenbei gefragt habe, ob sie mir vielleicht so eine praktische, unauffällige Innentasche in mein neues Kleidchen nähen könnte. Nur zur Sicherheit – für das Schweizer-Messer mit extra scharfer Klinge. Und die Reserve-Strumpfhose. Die kann man zur Not auch als Schal-Ersatz verwenden, hab´ ich gehört.

Warum sie mich wohl ausgelacht hat? Wegen dieser kleinen Vorsichts-Maßnahme für den Fall der Fälle? Ich bin doch wirklich eine absolut furchtlose Frau!

© Lotte Maria Kaml 2021-10-16

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