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Buskino

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Buskino | story.one

Ich mag Busfahren. Busfahren ist ein Film in Endlosschleife. Es gibt kein Anfang und kein Ende. Es ist wie ein Freikino. Man setzt sich hin und beginnt zu schauen. So mache ich es jeden morgen. Zwanzig Minuten zur UniversitĂ€t und wieder zurĂŒck. Also 40 Minuten Freikino fĂŒr mich. So sitze ich da und beginne meine tĂ€gliche Beobachtung. Heute ist der Bus recht leer. Liegt es am Wetter? Bei Regen ist man ja lieber daheim im Warmen.

Gleich gegenĂŒber von mir sitzt Peter. Ich glaub nicht, dass er wirklich so heißt, aber mit seinem immerzu strengen Blick, seine Brille am Ende des NasenrĂŒckens, fast nĂ€her dem Mund als der Nase , und seinem ergrauten, kurzen Haar, erinnert er mich stark an meinen frĂŒheren Deutschlehrer. Dieser hieß Peter. Sein Gesicht habe ich noch nie wirklich gesehen, da er immer mit dem Blick senkend auf seine Zeitung starrt. Von Sport hĂ€lt er wohl nicht viel, denn diesen Teil liest er nie. DafĂŒr zĂŒckt er aber hin und wieder einen Bleistift aus seiner Jackentasche und beginnt das KreuzwortrĂ€tsel zu lösen. Entweder macht er nur Striche in die Felder oder Peter ist ein sehr intelligenter Mensch, denn er kritzelt ununterbrochen in die Zeitung. Dies geht so weiter bis die nĂ€chste Station kommt. Peter ist immer so konzentriert, dass er jedes Mal fast vergisst auszusteigen. Mit einem ĂŒberraschenden Blick nach draußen zur Orientierung hĂŒpft er auf ,nickt mir kurz freundlich zu und verlĂ€sst den Bus. Dieses Mal konnte ich sein Gesicht sehen. Sympathisch schaut er aus.Vom strengen, konzentrierten Blick keine Spur mehr.

Nun setzt sich eine junge Frau neben mich. Eine Mischung aus billigen Parfum und Nikotingeruch steigt mir in die Nase. Schon allein vom Geruch kommt mir die Frau bekannt vor. Normalerweise steht sie immer, auch wenn genug freie SitzplĂ€tze sind. Ich glaubte immer, dass sie in meinem Alter ist. Ihre kleine, magere Gestalt wirkte gerade zu elfenhaft und aus der Ferne wirkte sie sogar so, als ob sie ein junges MĂ€dchen sein könnte. Heute wirkt sie anders. Älter. Mit den HĂ€nden ihre Tasche fest umklammernd, als ob sie Angst hat, sie wird gleich bestohlen, starrt sie nach draußen. Ihr Blick wirkt nachdenklich und traurig. Unter ihren Augen tiefe, dunkle Augenringe. Ihr Mundwinkeln wandern immer weiter nach unten. Woran sie wohl gerade denkt. NĂ€chster Stop. Sie steht auf und eilt zur TĂŒr. Ich glaube gesehen zu haben, dass sie sich beim Erheben des Sitzes ganz schnell eine TrĂ€ne aus dem Gesicht gewischt hat. Ich hoffe, sie hat morgen einen besseren Tag.Ich beobachte weiter Menschen, die ein- und aussteigen. Ein Ă€lteres Ehepaar, welches sich darum streitet, wer in Fahrtrichtung sitzen darf, eine Gruppe junger SchĂŒle und eine Mutter mit Kind, die die ganze Fahrt ĂŒber versucht den Kinderwagen so zu positionieren, dass er nicht ans Ende des Busses rollt.

Der Bus bleibt stehen. Es ist meine Haltestation. Das Buskino ist fĂŒr heute vorbei. Ich bin gespannt, welchen Film es morgen spielen wird.

© Lovisa 2021-05-14

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