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Ich liebe ihn!

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Ich liebe ihn! | story.one

Ich liebe ihn! Heiß und innig! Seit jeher! Und ich bin eine von denen, die ins Schwärmen geraten, wenn von ihm die Rede ist. Die nicht an ihm vorbeikommen, ohne wenigstens ganz heimlich an ihm zu schnuppern.

Zugegeben, er polarisiert. Man liebt ihn – oder man verabscheut ihn. Während die Augen seiner Fans glänzen, verzieht die zweite Gruppe angewidert das Gesicht. Ent oder weder. Ganz oder gar nicht. Keine Halbheiten.

Schon als Kind habe ich wiederholt verkündet, dass ich später einen Senner heiraten möchte, damit ich immer genug von ihm habe. Also von IHM, nicht vom Senner. Der wäre nur eine notwendige Beigabe gewesen. Nein, in die Schule hat er mich nicht begleitet. Diesen Schritt haben wir niemals gewagt. Doch als ich 24 Jahre lang außerhalb von Vorarlberg lebte, hat er mir fürchterlich gefehlt.

Man darf ihn nicht nach dem Äußeren beurteilen. Sein Kern ist es, worauf es ankommt. Fest und jung genug muss er sein, mit dezentem Duft, trocken und saftig zugleich. Dabei ist der Kerl so mager, dass ein ausländischer Arzt bei meiner Schilderung ausrief: „Das gibt es doch gar nicht!“

In Vorarlberg ist er keinem fremd, egal ob Eingeborener oder Zuag’raster. Viele Urlauber haben bereits mit ihm Bekanntschaft geschlossen. Für sie gilt das Gleiche: lieben oder hassen. Aus dem Montafon kommt mein Liebster: der Sura Kees, Surakäs oder brav nach der Schreibe: saurer Käse.

Mehrere hundert Jahre vor unserer Zeitrechnung stellten ihn die Kelten bereits im Ländle her. Das belegen einschlägige Funde. Besonders auf den Montafoner Alpen wurde er kultiviert. Nachdem diese Talschaften im 14. Jahrhundert den Habsburgern zugeteilt worden waren, mussten die Bauern Abgaben entrichten in Form von Butter und Schmalz. Aus dem anfallenden fettarmen Rest produzierten sie den Sauermilchkäse. Er ist ein Mittelding zwischen Tiroler Graukäse und Feta, aber etwas lockerer, feuchter und ohne Rinde.

Wie überall starben auch in Vorarlberg die Sennereien mehr und mehr aus. Anfang 1990 besann man sich auf alte Werte, für die sich besonders die jungen Leute begeisterten. Hofläden entstanden, und plötzlich fragte auch die Gastronomie nach dem Surakäs. Der Tourismus setzte ihn sogar in seiner Werbung ein. 2001 kam es zur ersten Sauerkäseprämierung, was die Qualität zusätzlich hob. Nachdem er 2005 in den Katalog „Genuss Region Österreich“ aufgenommen worden war, erregte er über die Grenzen hinweg Aufmerksamkeit.

Surakäs wird in verschiedenen Reifegraden angeboten. Viele können sich keine Käsespätzle ohne ihn vorstellen, andere genießen ihn mit Zwiebeln, Essig und Öl. Ich bin wohl eine Puristin, denn ich mag ihn am liebsten zusammen mit dunklem Brot oder zu Pellkartoffeln. Oder eine schmale Schnitte auf die Hand, einfach so.

Sein Fettgehalt von 1 bis 10 Prozent macht ihn zusätzlich beliebt und sehr bekömmlich. Günstig für die Cholesterinwerte!

Auch soll mein Liebling ein Wundermittel zur Wiederauferstehung nach durchzechten Nächten sein.

© Maria Büchler 2021-07-22

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