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#1120wien

Good Bye Meidling

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Good Bye Meidling | story.one

Wenn mir vor 20 Jahren jemand erzählt hätte, dass ich meine Kinder in Wien großziehen würde, ich hätte ihm den Vogel gedeutet. Ich habe Wien gehasst. Und Meidling. Der Kulturschock nach meiner Jugend am Land war riesig.

Doch dann lernte ich die Schleichwege des Bezirks kennen, auf denen man den Autolawinen ausweichen kann. Ich entdeckte die Tore zum benachbarten Schönbrunnerwald. Ich fand die Zugänge zu den Freibädern und kostete mich durch alle Marktstandln am Meidlinger Markt. Ich entdeckte die Beisln und Kulturstädten, Flohmärkte und Open Air Kinos.

Wir fanden einen KIGA mit riesigem Garten mit Altbaumbestand. Wir kauften uns eine Jahreskarte für den Zoo und sammelten Kastanien auf den breiten Alleen des Schlossparks. Wir rollerten die Meidlinger Hauptstraße hinunter und fuhren mit dem Weihnachtszug wieder hinauf. Wir drehten unzählige Runden auf dem Karussell am Meidlinger Platzl und begutachteten alle 6! Spielplätze in Gehentfernung. Wir fokussierten uns auf das Schöne in unserem Heimatbezirk. Und nicht nur wir Eltern, auch unsere Kinder fingen an, ihren Lebensraum in der Großstadt zu lieben.

Bis im März 2020 die erste Krise unseres Lebens über die Stadt hereinbrach. Die Schleichwege wurden zu eng für uns als 4-köpfige Familie. Wir konnten auf den schmalen Gehsteigen im Bezirk nicht den erforderlichen Abstand einhalten. Die Tore zu unserem Wald und unserer Wiese wurden versperrt. Spielplätze, Kindergarten und Zoo wurden geschlossen. Kinder waren plötzlich ungebetene Gäste in Supermärkten und am Markt. Die Corona Krise hat meinen Kindern schlagartig die Schönheit ihres Lebensraums genommen...

... und die hässliche Fratze des Bezirks entblößt. Die zubetonierte Seite Meidlings, die zugestellt ist von Blech und Blech und Blech und Blech. Und dazwischen ganz viel Hundepisse garniert mit Tschickstummeln. Mein Einjähriger wollte mehrere davon essen. Und auch die kinderfeindliche Seite Meidlings tauchte aus den Untiefen unserer Gesellschaft auf. Diese winzigen, unfolgsamen, lauten Virenschleudern - die Kinder Meidlings - ernteten Unverständnis, Geschimpfe und böse Blicke bei ihren wenigen täglichen Schritten im öffentlichen Raum.

Ich habe wieder begonnen, Meidling zu hassen. Oder das was von Meidling übrig geblieben ist in dieser Krise. Meidling ist kein guter Ort, um Kinder durch eine Krise zu begleiten. Und das kann ich mir womöglich nie wieder schönreden.

© Maria Lackner 2020-04-10

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