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#zukunft#resilienz#wirmachenmut

Ruhe sie in Frieden

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Ruhe sie in Frieden | story.one

Seit über 20 Jahren versuche ich die Welt zu verändern. Das Tierleid, die Zerstörung der Wälder und Lebensräume, die Veränderung des Klimas, die sozialen Ungerechtigkeiten, die männliche Vorherrschaft, die weibliche Mehrarbeit und die unzureichende Bildung unserer Kinder.

Seit über 20 Jahren versuche ich in meinem Leben, meinem Arbeiten und meinem Denken nachhaltige Wege zu zeichnen und zu beschreiten.

20 Jahre lang hielt ich die Werte einer nachhaltigen Entwicklung hoch. Die Werte der Solidarität und der Gerechtigkeit, der Kooperation und der Hoffnung. Obgleich ich die Wahrscheinlichkeiten kippen sah und die Folgen des Klimawandels auch in meiner Heimat spürbar wurden.

An diesem heutigen Tag, dem 10. April 2020 gebe ich auf. Offiziell.

Meine Mutterschafft hat mir zu denken ermöglicht, was mein Verstand mir niemals erlaubt hätte. In den Gesichtern meiner Kinder kann ich sehen, was Zukunft für sie bedeutet. Und mit Tränen in den Augen muss ich mir eingestehen, dass diese Zukunft nicht nachhaltig sein wird. Weil sie nicht gerecht sein wird. Die Zukunft meiner Kinder wird durch Ernteausfälle, Überschwemmungen, Massenflucht, Ressourcenkriege und Pandemien gekennzeichnet sein. Wir fahren diesen Planeten an die Wand. Samt seinen Kindern.

Und in diesem Moment erlaube ich der Hoffnung endlich wegzufliegen. Ich erlaube der Gerechtigkeit, mir ihre Ausweglosigkeit zu offenbaren. Und ich erlaube der Kooperation und der Solidarität zu schrumpfen. Auf mein direktes von mir beeinflussbares Umfeld.

Ich spüre die Schande meiner Ahnen in mir aufkommen und die Wut über unser aller Versagen. Die möglichen, nachhaltigen Wege wären so mannigfaltig gewesen. So verlockend. Und wir haben es trotzdem nicht geschafft, rechtzeitig abzubiegen. Wir haben es nicht geschafft, den Kindern und Tieren dieser Welt ausreichend Lebensraum und Ressourcen zu übergeben. Nicht weil nicht genug da wäre, sondern weil wir es nicht geschafft haben, das Vorhandene gerecht zu teilen. Weil unsere Ahnen gierig waren. Und weil wir gierig geblieben sind.

Mit Tränen in den Augen gebe ich also auf und verabschiede mich von der treuesten und wichtigsten Wegbegleiterin meiner Jugend: der Nachhaltigkeit.

Ruhe sie in Frieden.

Die Kinder rufen nach mir. Ich höre hin. Und hinter ihren hellen und klaren Stimmen kann ich die Basstöne ihrer Zukunft hören. Die tiefen Stimmen erwachsener Männer in einer ungerechten, konkurrierenden Zukunft auf einem schwer verletzten, unzurechenbaren Planeten.

Ich stehe auf und gehe zu ihnen an die frische Luft.

Die Resilienz trage ich bereits in mir. Wir werden sie brauchen. Denn Resilienz geht im Unterschied zur Nachhaltigkeit nicht davon aus, dass alles gut wird. Resilienz glaubt nicht an Gerechtigkeit und auch nicht an ein Happy End. Und Resilienz schert sich nicht um die Krisen dieser Welt.

Ich frage also die Resilienz, ob sie unsere neue Weggefährtin sein möchte. Sie nickt und lächelt mir aufmunternd zu.

© Maria Lackner 2020-04-10

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