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#menschen#nächte#diffus

Um die Wette

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Um die Wette | story.one

Meine tagelangen Ausflüge zur Bibliothek ließen sie nicht wirklich von mir schwärmen. Seit ich ihrem Liebhaber einen Tritt in den Arsch versetzt hatte, bekam ich ihre Aufmerksamkeit, aber ihre Liebe war irgendwo anders verborgen, in den Abgründen lächelnder Proleten, die ihren Sinn in Clubs suchten, die mit weißen Ledercouchen geschmückt waren. Eine grässliche Vorstellung, sich in solche Löcher niederzulassen, ohne jeglichen Ausblick auf Freiheit. Denn alle tranken um die Wette, und nicht, um den Genuss der Freiheit zu vergöttern. Aber das war mir letztendlich wurscht, weil ich ihr genau den gleichen Arschtritt versetzten konnte, mit dem sie in die grölende Hölle der Proleten zurückgeschleudert wurde.

Also saß ich, aß ich, trank ich und unterhielt mich mit mir selbst, denn niemand war ein besserer Gesprächspartner. Er ähnelte mir so gut, in seiner Verrücktheit, Niedergeschlagenheit und kontroversen Art, der jeden Konservativen zum Aufschrei brachte. Doch wenn mein Gesprächspartner und ich uns gemeinsam durch die Haustür trauten, erschreckte sich der Wind, die Tauben schissen nicht mehr vom Himmel und die Toten fanden wieder Gefallen am Leben. Wir schlichen neben der Salzach, dem Fluss der Begierde, mit einem leichten Tempo, verfolgt durch die Geister der schlafenden Hausfrauen und Männer und Betrogenen und Verlassenen und Gelangweilten und Studierenden und Sterbenden und Ejakulationssüchtigen…

Wir waren die Besucher der aussterbenden Orte, die nach Leben suchten, und wir versteckten uns wissbegierig hinter Tresen, die den Betrunkenen vorschlugen, vor dem Trinken zu zahlen und wir tranken, ohne zu zahlen. Wir spielten, ohne wirklich die Regeln zu kennen. So schön, so grässlich und so unaufhaltsam. Doch da waren die Obdachlosen, die Alkoholiker. Die, die keinen Schlafplatz hatten, nur die Träume ihres wachen Daseins, die dem Adel Flüche entgegenschrien und es nie bereuten. So schön war es, sie zu beobachten, ohne jegliches Vorurteil, nur mit der Gewissheit, dass sie die wirkliche Lage zur Schau brachten. Wo waren wir denn nur, als die Welt unterging?

Wir aßen und tranken mitten im Sturm, während sich Nadeln in unsere Augäpfel bohrten. Daher lasse ich jeden Schuss in meine Hüfte über mich ergehen, der exakt zu Mitternacht die Wirklichkeit verdeutlicht. Also tanze ich, und sie schlängelt sich um mich, und ich liebe sie, bis zum Ende, denn mit ihr wollte ich immer sterben. Und mit meinem Begleiter. Also, was soll das Ganze?

Unsere Stimmen schrien Wünsche in die schimmernde Decke des Himmels, in das unergründete Nirwana des Daseins. Die schwarzen Löcher lächelten uns entgegen, zeigten ihre Dimensionen und die Fenster schienen mit Menschen gefüllt zu sein. Sie räusperten sich um die Wette, wir flüsterten um die Wette, bis alles in Luft aufging, bis wir einschliefen und erneut mit einem Brennen im Herzen aufwachten, um uns mit den Großen zu messen.

© Markus_Zlate 2021-02-23

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