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#arbeit#familybusiness#arbeiten

Eine schrecklich nette Großfamilie

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Eine schrecklich nette Großfamilie | story.one

Meine geliebte Geliebte arbeitet in einem internationalen Konzern mit unglaublichem Firmen-Spirit. Eine der oftmals fluktuierenden Personalchefinnen bezeichnete den Arbeitgeber sogar als "geile Großfamilie mit flachen Hierarchien".

Während unseres Urlaubes bekam sie einen quasi familiären Anruf mit der Information, dass ihr Abteilungsleiter gekündigt wurde. Eine Stunde zuvor musste dieser noch seine Sekretärin kündigen. Im selben Urlaub erfuhr sie Ähnliches auch von einer eng befreundeten, langjährigen Arbeitskollegin. Ein Anruf im Urlaub brachte dieser die Wegstrukturierung in die Arbeitslosigkeit. Es wurde auf ein Jahrzehnt Fachkompetenz verzichtet, um diese neu einzulernend zu ersetzen.

Hierbei darf nicht unerwähnt bleiben, dass diese Kündigungswelle zwischen der ersten und zweiten Corona-Welle auf die Mitarbeiter dieser “familiären” Firma traf. Auf Angestellte, die im März 2020 unverzüglich in Kurzarbeit geschickt wurden, um vom ehrwürdigen Boss persönlich und im Sinne der Firmenphilosophie gerettet zu werden. Damals hieß es, er wolle niemanden von seiner Familie zurücklassen.

Wenige Monate später wurden im Zuge der Neustrukturierung mindestens 50 Stellen abgebaut, ganze Abteilungen ausgelagert und sogar eine neue Firma gegründet. Die Stimmung in der "Großfamilie" war berechtigterweise echt gruselig wie in einer Geisterbahn. Das Familienoberhaupt hingegen war kein Zombie, sondern ein emotionaler Freigeist mit marketing-strategischer, offensiv-fröhlicher Kommunikationsgabe. So bezeichnete er den Stellenabbau in den Medien selbstbewusst sogar als „Erfrischungskur“. Meines Erachtens eine Kur, auf die jeder Arbeitnehmer gerne verzichten kann, zumal der Erfrischungseffekt einer unerwarteten Eiskübel-Challenge gleicht und den Betroffenen im Zweifelsfall altern lässt.

Der Firmenchef ist eine Mischung aus Rumpelstilzchen und Dagobert Duck. Eine absolut unberechenbare und geldgierige, geschmacklose Mischung. Ja, es zeugt von äußerst schlechtem Geschmack, die aktuelle Wirtschaftskrise, entstandene Einkommenseinbußen und zeitgleiche Sponsorverpflichtungen auf diese demotivierende Art und Weise auf den einzelnen Mitarbeiter abzuwälzen.

Meines Erachtens wirkt sich die Geldgier auf den guten Geschmack einer moralisch-achtsamen Mitarbeiterführung aus. Wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge kann das COVID-19-Virus den Geschmacks- und Geruchssinn negativ beeinträchtigen.

Obligatorische Corona-Impfungen für CEOs würde ich demnach willkommen heißen. Vielleicht positiv, merken sie gar nicht, wie sehr ihre Vorgehensweise negativ zum Himmel stinkt?

P. S.: Meine geliebte Geliebte arbeitet aufgrund jahrzehntelanger kollegialer Verbundenheit nach wie vor in der schrecklich netten Großfamilie, obgleich ich ihr an manchen Tagen einen Prinzessinnenjob im Märchenwald wünschen würde.

© Martin Buchgraber 2020-11-30

corcooningschuledeslebens

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