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Eiszeit in der Eisenbahn

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Eiszeit in der Eisenbahn | story.one

Endlich war der langersehnte Sommerurlaub da. Wir freuten uns mächtig auf die Zugreise nach Friesland. Die Tickets hatten wir bereits im Jänner, vor Corona, gebucht. Nach vielen Telefonaten mit der ÖBB-Hotline entschieden wir uns für einen Privat-Liegewagen.

Nach der Autoverladung betraten wir voller Vorfreude unser kleines ÖBB-Wohnglück. Die Kinder waren begeistert. Aufklappbare Betten, kleine Tischchen und ein eigenes Türschloss. Da wir zu früh dran waren, begannen wir augenblicklich mit der Jause. Kurz darauf setzte sich der Zug langsam in Bewegung und der Schaffner kam. Ich überreichte ihm souverän unsere Tickets, während ich meine Familie mit bester ungarischer Salami versorgte. Verdächtig lange prüfte er die Tickets und meinte: “Am Hauptbahnhof kommt noch wer zu Ihnen rein!”

“Was?” Mir fiel ein Stück Salami aus der Hand. Er wiederholte, dass jemand zu uns ins Abteil kommen würde. Wir waren fassungslos. In unser Liegeabteil? Er zeigte uns, dass er noch eine Reservierung im System hatte.

“Da haben sie Ihnen noch wen dazugebucht!” Aus der abenteuerlustigen Urlaubsstimmung wurde jäh kühle Friedhofsstimmung. In diesen pandemischen Zeiten wurde uns noch jemand in unser Abteil gebucht? “Müssen wir jetzt mit Maske schlafen und schnarchen?”

Ich erklärte, dass uns im Jänner telefonisch ein “Privatabteil” zugesichert wurde. Der Schaffner wiederholte, dass davon nichts am Ticket stünde und es möglich sei, dass beim nächsten Halt jemand in unser Abteil komme. Er ließ uns ratlos schweigend zurück. Meine geliebte Geliebte fiel in die Stille wie ein Tornado: “Wenn da noch wer einsteigt, dann steige ich aus!”

Ich sah den gemeinsamen Urlaub davonfahren. Was sollten wir tun? Unser Auto war hinten am Zug. Fährt das dann allein auf Urlaub? Diesen Gedanken fand ich sehr unfair. Der nächste Halt kam: “Wien Hauptbahnhof”.

Großer Trubel setzte ein. Wir zogen die Vorhänge zu, verschanzten uns im Abteil und verriegelten die Tür. Es klopfte. Vorsichtig zog ich die Vorhänge beiseite. Es war der Schaffner. Wie im Westernduell blickten wir uns konzentriert an: “Nur noch Meidling. Dann bleiben Sie allein!” Er ging, die miese Stimmung blieb, Wien Meidling kam. Wieder derselbe Trubel. Es klopfte. Ein Mann mit Rucksack und einer Flasche Bier schaute prüfend in “unser” Abteil, das bis auf die winzigste Ritze mit unbeschreiblicher Disharmonie und Urlaubsunfreude erfüllt war, und murmelte flüchtend: “Sorry”.

Erst der erneute Anblick des Schaffners brachte die Erlösung, und die interimistische Eiszeit-Stimmung unseres beginnenden Urlaubs zum Schmelzen. Letztendlich wollten wir wissen, wie so etwas passieren konnte und bekamen die Antwort: “Die im Büro, die müssen verkaufen.”

Die Sorge, dass das pandemische Virus auch “pan-derrisch” macht, kann ich dank meiner achtsam-friesischen Urlaubserfahrungen nicht bestätigen. Andererseits irritiert mich die blinde und taube Verkaufsstrategie der ÖBB durchwegs.

© Martin Buchgraber 2020-10-12

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