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Primär taub? Oder sekundär verrückt?

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Primär taub? Oder sekundär verrückt? | story.one

“Nein, am 9. Dezember wird das nix werden – ab 23.10. 2020 ist bei uns endgültig Schluss!"

Diese Worte hörte meine treue Agentin unlängst beim Versuch, einen Vorpremierentermin zu ergattern. Solcherlei Absagen sind in diesen Tagen keine Seltenheit. Jedoch aktuell eine Premiere zu planen, ist eine Rarität.

Den Auslöser meines extravaganten Projektes lieferte unser Bundeskanzler im März 2020, als er uns den nationalen Lockdown eröffnete und damit zeitgleich die Pforten meines geliebten Theaters schloss. Mit dem wachsenden Familientrubel bedingt durch Home-Office, Home-Schooling und Home-Animation wuchs in mir wieder die Sehnsucht nach Theaterluft, Garderobenduft, wärmenden Scheinwerferstrahlen und neugierigen, sich vom Alltag ablenken wollenden Zuschauern im Theatersaal. Besonders abends, wenn endlich Ruhe einkehrte und ich normalerweise auf der Bühne stehen sollte, war es fast unerträglich. Also holte ich mir die Bühne, meine zweite Heimat, nach Hause. Ich begann, ein Kabarettstück zu verfassen. Die Ideen mussten nicht wachsen, sie waren bereits in mir und ebenso bereit, mich zu verlassen. Ganz im Gegenteil zu meiner geliebten Geliebten.

Dennoch spürte ich ihre bohrend-prüfenden Blicke und realitätsdarbietenden, dunklen Augenbrauen, die sich proportional zu ihrem authentischen Vernunftgefühl in die Höhe bewegten. “Martin, du planst eine Premiere im Herbst 2020? Wo wir uns gerade in einem pandemiebedingten Lockdown befinden?” Ich weiß nicht mehr, ob sie es so direkt sagte, oder einfach nur nonverbal ausdrückte. Ich weiß, dass dies der verrückteste Zeitpunkt war, den ich für mein Projekt wählen konnte. Gleichzeitig war es mir aber auch so verrückt wichtig. Als ich versuchte, meine Gedanken in familientaugliche Argumente zu fassen, riss mich das Quaken meines Handys in den realen Tag zurück.

Ein langjähriger Künstlerkollege und wunderbarer Filmregisseur rief mich an. Er erzählte mir von einem wundersamen Filmprojekt und bot mir eine Rolle an. Ich sollte dabei ein bedeutender Teil eines Teams sein, das durch Gemeinschaftssinn und unerbittlichen Einsatz für eine Sache einsteht und damit einen drohenden Untergang verhindert. Der Dreh basierte auf dem unbeugsamen Willen eines jungen Fotografen, der aus idealistischen, motivierenden Motiven versuchte, all jenen vom unerträglichen Stillstand betroffenen Personengruppen eine Plattform zu geben und die bestehende Lethargie zu bekämpfen. Am Set traf ich Schauspieler, Sänger, Sportler … Sie alle wollten gesehen, gehört werden. Jeder einzelne konnte trotz der bestehenden Taubheit etwas Wunderbares bewirken.

Gestärkt durch diese preziöse Erfahrung, den Rückhalt meiner geliebten Geliebten, meinem empathischen Regisseur und meine an mich glaubende Agentin versuche auch ich, noch einen weiteren kleinen Teil zum Erhalt der Theaterbranche beizutragen.

Bin ich verrückt? Oder taub? Vermutlich beides.

© Martin Buchgraber 2020-10-21

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