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#1sommer1buch#höflichkeit#generations

Wer nicht grüßen will, muss riechen!

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Wer nicht grüßen will, muss riechen! | story.one

Zweimal pro Woche begebe ich mich zum Krafttraining. Dort trainieren zum Großteil lebenserfahrene Menschen. Jedes Mal, wenn ich die nach Schweiß und Pitralon riechende Umkleide betrete und die anwesenden, sich umkleidenden Herren begrüße, passiert immer wieder dasselbe: nämlich absolut nichts. Äußerst selten grüßt jemand zurück, zu sehr sind meine Geschlechtsgenossen mit sich selbst und ihrer Körperhygiene beschäftigt. Bei den Jüngeren verhält es sich genauso. Sie spielen sich mit ihren Smartphones und Kopfhörern. Beide Altersgruppen nehmen scheinbar wenig um sich herum wahr. Ich habe mir sagen lassen, dass sich dies in der Damengarderobe ähnlich verhält.

Kürzlich betrat während des Umziehens ein rüstiger, älterer Herr die Umkleide. Er grüßte freundlich: “Guten Abend meine Herren!”

Ich war irritiert. Hat da gerade wer gegrüßt? Völlig perplex erwiderte ich die überraschende Höflichkeitsgeste lautstark: "Ah… Grüß Sie!“

Die anderen Herren bemerkten den Neuankömmling zwar, begrüßten ihn jedoch nicht. Zu wichtig waren Smartphones, Kopfhörer und Schuhbänder. Der freundliche Herr, ich nenne ihn einmal, “Grüßer”, nahm es sportlich. Er schlüpfte in sein Trainingsgewand und ging in den Trainingsraum.

Während ich vor mich hin trainierte, passierte folgendes Schauspiel: Bei einer begehrten Maschine mussten zwei gestresste Männer ungeduldig warten, weil das von ihnen gewünschte Trainingsgerät besetzt war. Ich saß auf der gegenüberliegenden Maschine und nahm die Situation als Beobachter wahr. An der Maschine gegenüber mühte sich der “Grüßer” Mann ab. Als er fertig war, erhob er sich langsam von dem Gerät. Die beiden Männer, zwei geschäftige Businessmänner in Marken Trainingskleidung, fokussierten sich ausschliesslich projektorientiert auf die frei werdende Maschine. Jeder wollte der Erste sein!

Der betagte “Grüßer” stieg also vorsichtig von der Maschine – da fiel ihm sein Trainingstuch zu Boden. Langsam bückte er sich, um es aufzuheben. Und da passierte es. Es entkam ihm, ich nehme an unabsichtlich, aber weitläufig hörbar, eine gewaltige Flatulenz. Diese eroberte olfaktorisch still und heimlich den Trainingsraum. Der Flatulenzler selbst tat, als ob nichts gewesen wäre – dem war das pupsegal. Den Geschäftsmännern offenbar auch. Sie beachteten sich weiter nicht und begannen dezent mit ihren Handtüchern zu wacheln, während der “Grüßer” höflich sagte: “Bitte. Jetzt wäre sie frei!” Sie schauten pikiert und waren sich höchst uneinig, wer als Nächster auf der Maschine trainieren wollte. Der eine verzog sich samt Kopfhörern. Der andere war stark, erklomm das Trainingsgerät und ignorierte das “dufte” Trainingserlebnis.

Ich frage mich, werden sie den “Grüßer” beim nächsten Mal zukünftig wahrnehmen und grüßen? Immerhin hat er doch einen äußerst nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Schließlich wird unser olfaktorisches Gedächtnis nicht so schnell taub, wie der Mensch an sich.

© Martin Buchgraber 2020-10-16

eigenartiggenerations

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