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#abschied#mama

Das letzte Weihnachtsfest

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Das letzte Weihnachtsfest | story.one

Es war Oktober 2008 als wir von deiner Krankheit erfuhren. Nach der OP bekamen wir die schmerzvolle Gewissheit präsentiert, dass du tatsächlich an einem der aggressivsten Gehirntumore leidest und vermutlich daran sterben wirst.

Wieviel Zeit dir noch verbliebe, konnte uns keiner sagen. Du hast alles getan was die Ärzte von dir verlangten. Es folgte die Chemotherapie, bei der wir alle Hoffnung schöpften, denn es ging dir gut und du hattest wieder Lebensmut.

Ich atmete auf und dachte mir damals, Mama hat es wieder geschafft, genauso wie vor zwei Jahren als du die Diagnose Eierstockkrebs bekamst, dich operieren hast lassen und sogar keine Chemo benötigt wurde. Du warst, was dein Leben betraf, einfach eine Kämpferin. Du hattest nach dem Tod von meinem Stiefvater Bernhard, wieder einen Partner gefunden und ich denke, du warst mit ihm glücklich. Es war dir immer wichtig nie allein zu sein.

Doch dann kam die Bestrahlung Ende November und man konnte zusehen, wie sehr diese dich schwächte. Es fiel dir immer schwerer allein den Haushalt und deinen täglichen Alltag zu meistern. Dein Freund merkte dies, verabschiedete sich still und heimlich und ward nie mehr gesehen.

Es kam der Zeitpunkt, wo wir Kinder in Absprache mit dir und den Ärzten dich während der Bestrahlungen im Krankenhaus zur Beobachtung lassen mussten. Der Verlauf deiner Krankheit war beängstigend und ich kam kaum damit zurecht. Ich musste nicht nur mich darauf vorbereiten, dass es deinem Ende zuging, sondern ich musste auch noch stark für meine beiden Jungs sein, die dich über alles liebten. Es war eine tägliche Herausforderung, meine Halbschwester anzurufen, um mich nach deinem Zustand zu erkundigen.

Weihnachten rückte näher und es stellte sich die Frage, ob du nach Hause gehen darfst. Man riet uns davon ab. Es bestand aber die Möglichkeit, dich für ein paar Stunden nach Hause zu holen, was wir dann auch taten.

Am 24. Dezember kamen wir alle, so wie früher bei dir zu Hause zusammen, stellten dir einen kleinen, geschmückten Christbaum hin, denn wir wussten, wie wichtig dir das war. Ich half dir beim Essen und ging mit dir auf die Toilette, was für mich absolut nicht einfach war. Du warst so hilflos und zerbrechlich. Genau das, wovor du immer am meisten Angst hattest war nun Wirklichkeit geworden. Du wolltest nie von jemanden abhängig sein und schon gar nicht gepflegt werden.

Meinen beiden Jungs ging es nicht gut mit dieser Situation und ich versuchte alles, um es ihnen leichter zu machen. Ich befürchtete bereits damals, dass dies die letzten Weihnachten mit ihrer geliebten Oma sein würden, und ich wollte, dass die beiden sie in guter Erinnerung behalten. Leider habe ich das nicht geschafft denn schon damals war ihre Oma nicht mehr die, die sie kannten.

Rückblickend bin ich aber froh, dass wir DIR und UNS diesen Abend geschenkt haben, auch wenn wir wussten, dass es das letzte Weihnachten mit Dir sein würden. Du hast uns und diesen Teil der Welt im März 2009 verlassen.

© Martina Prager 2021-02-23

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