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#indien

Der beste Platz

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Der beste Platz | story.one

Da liegt ein Neugeborenes. In ein paar weiße Tücher eingeschlagen. Auf den Steinen des Gehsteigs. In einer belebten Einkaufsstraße in einer Stadt in Nordindien. Zumindest sieht es aus wie ein Neugeborenes. So winzigklein, wie das Kind ist. Ich stehe vor einem Fotogeschäft und warte, dass meine Reisebegleiter ihre Einkäufe abschließen. Frauen in bunten Saris, andere im Punjabi-Gewändern, Männer in weiten Hosen und langärmeligen Hemden, Kinder in T-Shirts und Plastikschlapfen, drängen an mir vorbei. Ich starre auf das Baby, das nah am Eingang eines Ladens liegt und schläft. Wieso liegt es da? Wo sind seine Eltern? Das kann doch nicht sein, dass da einfach so ein Kind liegt. Ganz allein. Ich spüre die Blicke der Kaufleute um mich herum. Sie sehen die Touristin an, die das Baby ansieht. Tuscheln. Wedeln mit den Armen. Schauen in Richtung Straßenrand. Erst jetzt merke ich, dass da eine kleine Gruppe Menschen in der prallen Sonne hockt. Sie bieten offenbar Waren zum Verkauf an. Welche, kann ich nicht erkennen. Die Rücken der Kauernden verdecken sie. Aber ich sehe, dass sie eher ärmlich gekleidet sind. Sie sehen erschrocken zum heftig winkenden Ladenbesitzer, und seine wegjagende Handbewegung. Erst jetzt begreife ich die Situation und wende meinen Kopf in die entgegengesetzte Richtung, weg von dem Neugeborenen. Denn die Familie hat das Baby fürsorglich an den im Moment bestmöglichen Platz gelegt: in den Schatten vor das Geschäft. Der Besitzer hat gnädig darüber hinweggesehen. Aber eine starrende weiße Touristin, die kann Probleme machen.

© MaschataDiop 2021-01-27

ReisenIndien

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