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#kindheit#garten#zumvorlesen

Frühsommer

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Frühsommer | story.one

Ich kann ihn immer noch spüren. Unter meinen Handflächen. Die dunkle Rinde seines rauen Stammes. Wenn ich mich mit meinem Bauch an ihn drücke, ihn mit meinen Armen umfasse, dann erreichen sich meine Fingerspitzen nicht. Den Kirschbaum haben meine Urgroßeltern gesetzt, die das Grundstück, “den Garten” in Breitenfurt, gekauft haben. Vor langer, langer Zeit. Vor dem Krieg. Der Kirschbaum steht hinter dem niedrigen Haus, das als Bauhütte gedacht war. Seine Äste ragen über das Blechdach. Das erklettere ich über den Apfelbaum daneben. Gehe ein paar vorsichtige Schritte. Nun erreiche ich die Kirschen leicht. Die ersten Früchte der Saison. Hellgelb mit zartrosa Bäckchen. Manche “Zwillinge”. Die hänge ich mir über die Ohren. Saftig platzen die Früchte in meinem Gaumen. Nicht zu süß. Den Stängel ziehe ich mit einem kräftigen Ruck zwischen den Lippen heraus. Es ploppt. Die Kerne spucke ich weit. Ins Gras hinunter. Eigentlich ist das verboten. Wenn ich bloßfüßig durch den Garten laufe, stechen sie mich in die Fußsohlen. Die ausgespuckten Kirschkerne. Das kann wehtun.

Ich sitze gern am Dach. Manchmal zwicke ich mit Zeigefinger und Daumen eines der leicht gezackten Kirschbaumblätter ab. Reiße vorsichtig das Dunkelgrün zwischen den Verästelungen heraus, bis ich ein frisch duftendes Skelett zwischen den Fingern halte. Der Wind lässt die Blätter flüstern. Ich rieche an dem murmelgroßen Stück Harz, goldgelb und glatt. Ich habe es aus den rissigen Spalten des Stamms gekletzelt. Auch das ist verboten.

Ich liege am Rücken, fühle die Blechdachsonnenwärme durch mein T-Shirt, sehe durch das Kirschbaumblättergewirr in den Himmel. Er ist blau. Schaue wieder in mein Buch. Das Blattskelett steckt als Lesezeichen zwischen den Seiten. Ich bin Pippi Langstrumpf. Oder eines der Kinder aus Bullerbü. Die Omama sitzt im Apfelbaum.

Der Sommer ist nah.

Das Foto habe ich in Südafrika aufgenommen.

Den Kirschbaum gibt es nicht mehr.

Er wurde gefällt.

Er war gesund.

Wo er stand, steht jetzt ein Einfamilienhaus.

Ich lebe andernorts.

© MaschataDiop 2021-03-17

Kindheit

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