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#reisen#italien#spiritualität

Pace e bene

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Pace e bene | story.one

„Silenzio! Pssscht!“ dröhnt die Stimme eines Mönchs durch das Kirchenschiff. Lautsprecherverstärkt: “This is a holy place”. Stille geboten an diesem heiligen Ort. Ein monumentaler Bau auf dem Hügel zu Ehren eines Mannes, der sich selbst als “minderer Bruder” bezeichnet hat. Zart. Ohne große Mühe konnte er in die Felsspalten des Monte Subasio schlüpfen, um zu fasten, zu beten, zu meditieren. Hunde verboten, besagt ein Schild am Eingang der Basilika, geweiht einem Mann, der einen Wolf gezähmt und Vögeln gepredigt haben soll. Es ist März und das Wetter kühl. Wir Touristinnen laufen vermummt umher, mit verrenkten Hälsen. Betrachten die Werke Giottos, Cimabues, Lorenzettis. Wie mögen die Fresken vor dem Erdbeben 1997 ausgesehen haben?

So viele Kirchen wie hier habe ich noch nie an einem Ort besucht. Am schönsten finde ich die schlichten, die es schon zu Lebzeiten des Giovanni Bernardone, seiner französischen Mutter wegen “Francesco” genannt, gegeben hat. Kaum ein Haus in den mittelalterlichen Gassen, auf dem nicht sein Bild, sein Name, der ihm zugeschriebene Ausspruch “pace e bene” zu sehen sind.

Immer wieder begegnet mir ein kleiner Mann in abgetragener Kleidung. Aufgeschwemmt, ungewaschen. Ja, er stinkt. Drückt sich an den Info-Tischchen der Kirchen herum. Mir scheint, er nimmt Prospekte mit, die er dann in Geschäften gegen Bares loszuwerden versucht. An einem Brunnen füllt er seine Wasserflasche auf, isst eine Kleinigkeit. Vorsorglich halte ich eine Münze bereit, doch er spricht mich nicht an um eine Gabe und ich scheue mich, sie ihm wortlos in die Hand zu drücken.

Gesprächig ist die Signora Concetta, die in der Pasticceria Monica das Kommando führt. Sofort erkennt sie mich als Mensch deutscher Muttersprache. 9 Jahre war sie in München, arbeitete in Restaurants, an Hotelrezeptionen und beim Fernsehen als Sekretärin. Dann Heirat in der Heimat, Häuschen am Trasimeno-See. Witwe. Nun steht sie in Schwarz gekleidet hinter dem Tresen und schwärmt von Schokobrunnen und Sachertorte, ich vom hiesigen„brutti ma buoni“-Gebäck. „Hässlich, aber gut“, übersetze ich. Wir lachen.

Feiner Rauch über den Dächern nahe der Porta Perlici. In der Taverne Erminio sitze ich neben dem offenen Ofen, beobachte die Wirtin, eine Nonna. Mit raschen Bewegungen schiebt sie mit einem Schürhaken das verkohlte Holz unter den Rost. Auf den legt sie marinierte Fleischstücke, die ihr der Enkel auf einem Teller reicht. An einem Tisch ein Bub, ein Mädchen, Mamma, Papa. Ganz dem Essen hingegeben. Alle. Schaut die Mamma grad nicht her, kostet der Bub verstohlen vom Wein, der Papa grinst stolz zu mir rüber. Am Nebentisch ein etwa 50-jähriger Mann und eine deutlich jüngere Frau. Ehering trägt nur er. Liest ihr aus der Zeitung vor, als erzähle er Kindern Märchen. Sie nimmt einen Schluck vom Vino. Noch einen und einen dritten. Dann erst lächelt sie. Schaut knapp an seinem linken Ohr vorbei. Zum kleinen Fenster hinaus.

Foto: Gabriella Clare Marino / Unsplash

© MaschataDiop 2021-03-29

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