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#ignoranz#diskriminierung#stwolfgang

Sankt Wolfgang im September 2020

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Sankt Wolfgang im September 2020 | story.one

Sie steht immer noch da. Die etwa kniehohe Figur. In einem Geschäft mitten in Sankt Wolfgang am Wolfgangsee. Im Salzkammergut. In Österreich. Es ist der 22. September 2020. Mittagszeit. Genau genommen steht die kleine Statue nicht im Geschäft, sondern in der Eingangstür. Der schwere Sockel der Figur hält sie offen. Die Tür. Einen rot-weißen Turban trägt sie, die Figur. Mund und Nase sind durch eine blau-weiße Corona-Maske verdeckt. Weißes Hemd, dunkelgrünes Gilet, rote Hose. Die dunkelbraunen, kräftigen Arme halten ein geflochtenes Tablett mit einer Schiefertafel. “Herzlich willkommen. Bitte Abstand halten. Vielen Dank" steht da drauf. Ich habe die kleine Gestalt bereits vor mehr als einer Woche, einen Tag nach meiner Ankunft in Sankt Wolfgang, gesehen. “Das kann doch nicht wahr sein”, gedacht. Zu mir selbst: “Reg´ dich nicht auf”, gesagt. Mein erster Urlaub seit mehr als einem Jahr. Erholen soll ich, will ich mich, nicht aufregen. Über rassistische Zeichen. Aber jedes Mal, wenn ich bei meinen Spaziergängen an dem Geschäft vorbeikomme, das Schilder aller Art feilbietet, zieht sich mein Magen voller Empörung zusammen.

“Du willst doch jetzt auf die Vormauer, vielleicht sogar weiter, auf die Schafbergspitze wandern. Keine Zeit zum Diskutieren”, versuche ich mich selbst zu überreden. Doch es funktioniert nicht. Ich kann nicht noch eine Woche Urlaub hier verbringen, ohne das, was mir auf der Seele brennt, zu artikulieren. Ich trete über die Schwelle. Eine jüngere Verkäuferin fragt nach meinen Wünschen. “Grüß Gott", sage ich. "Ich würde gerne wissen, ob Sie noch nie jemand darauf aufmerksam gemacht hat, dass dieser schwarze Diener ein rassistisches Statement darstellt?" Die Verkäuferin lacht pikiert auf. "Auf DIE Diskussion lass ma uns gar nimma ein!” “Aha”, sage ich und verlasse das Geschäft.

Es wurrelt immer noch in mir. Dass ich offenbar nicht die Erste bin, die die Diskriminierung von Menschen dunkler Hautfarbe hier zur Sprache gebracht hat, beruhigt mich nicht. Ich muss loswerden, dass ich es ganz besonders schlimm finde, einer schwarzen Figur die Botschaft “Abstand halten” aufs Tablett zu legen. Drehe mich um. Da steht plötzlich eine ältere Frau vor mir, offenbar die Chefin des Geschäfts. Sagt mit beleidigt klingender Säuselstimme, sie habe “den Mohren” vor 40 Jahren “bei einem Künstler, der leider schon verstorben ist”, in Auftrag gegeben. Und seither begleite sie dieser Mohr. Dieser Mohr, das sagt sie ganz deutlich ohne Anführungszeichen. Und dieser Mohr also sei ihr "so ans Herz gewachsen”. Er gehöre zum Geschäft, sie könne ihn nicht hergeben. Und ich müsse doch “die andere Seite” auch verstehen.

Ich schüttle den Kopf. Nein, das kann ich nicht verstehen. Dass diese Frau 40 Jahre lang nichts dazu gelernt hat.

© MaschataDiop 2021-02-05

Reisen

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