skip to main content

#briefe

Valentinstag

  • 203
Valentinstag | story.one

Etwa ein Dutzend mit der Hand geschriebene Briefe und einige Ansichtskarten liegen vor mir. Eine “best of”-Kollektion. Aus zwei Koffern voller Briefe, die ich jahrelang bei jeder Übersiedlung mitgeschleppt habe. Ich überlege, ob ich sie zerreißen und wegwerfen soll. Mir graut bei dem Gedanken, als alte Frau in einer kleinen Wohnung zu sitzen und voller Wehmut diese vielen Briefe immer und immer wieder zu lesen. Wie das meine Oma gemacht hat, mit den Briefen ihres Mannes, meines Opas also. Den ich nie kennengelernt habe, weil er –wie es euphemistisch heißt – “im Krieg geblieben” ist. Ungeklärt die Umstände seines Todes.

Meine Finger berühren dickes, etwas vergilbtes Papier. Es verströmt den Duft französischer Zigaretten.

16 Seiten, mit blauer Tinte geschrieben: Die Lebensgeschichte meiner Tante Elli. Obwohl – oder gerade weil? – keine “Blutsverwandte”, sondern ein Ziehkind meiner Urgroßmutter, ist sie mir besonders lieb. In wenigen Wochen wird sie 95. Sie lebt nahe Limoges. Hatte sich während des Krieges in einen Franzosen verliebt. Nach Kriegsende aus den Augen verloren. Zwei Jahre später ein Brief von ihm, sie solle nach Frankreich kommen. “Die Liebe war doch noch da und sauber war nur er!", schreibt sie. Saß wenig später im Zug nach Frankreich. Heiratete am 4. Oktober 1947.

Ein zerknittertes Papier aus einer Karelia-Zigarettenschachtel. In griechischen und in Blockbuchstaben Name, Adresse des 16-jährigen Kellners aus dem Kafenion, in das meine Schulfreundin und ich auf Chalkidiki zwei Urlaubswochen lang täglich zum Frühstück kamen.

Einen Brief dieser Freundin, geschrieben mit lila Tinte, an und über mich. Der mit den Worten “Nach Gebrauch wegwerfen oder einrahmen” endet. Davor stehen Sätze wie “Du kannst hilflos sein. Du kannst Hilfe sein.” Muss lachen und weinen, jedes Mal, wenn ich ihn lese. Vor fast 40 Jahren hat sie ihn geschrieben.

“Mädel, ich kann dich nicht erreichen, aber du gehst mir durch den Kopf” – mit blauer Tinte auf einer Kunstpostkarte vermerkt. Sie ist mit einer 4,50 Schilling-Marke frankiert, zum 100. Geburtstag von Julius Raab. Ah, 1991 also. Da gab es noch keine Mobiltelefone.

Eine Rosenknospe im Winter, vereist die Blütenblätter. “Bei mir alles noch beim Alten, mir geht es noch zu langsam”, steht da in winzigkleiner Schreibschrift: “Alles Liebe, Oma. März 2004.” Ihre letzte Karte an mich, Anfang Mai 2004 ist sie gestorben. Just in dem Moment, als ich zu ihr fahren wollte, kam die Todesnachricht. Wollte mir wohl den Anblick ihres mit blauen Flecken übersäten Körpers ersparen. Sie war gestürzt in ihrem Zimmer im Altersheim. 92 Jahre ist sie alt geworden.

Am Valentinstag beschenken sich nicht nur Liebespaare. Sondern auch Verwandte, Freundinnen, Freunde werden oft bedacht. Zumindest mit einer Valentinskarte. So gesehen, sind all diese Briefe Valentinsgeschenke. Von Menschen, die mit ihren Zeilen mein Herz berührten.

© MaschataDiop 2021-02-14

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.