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#freundschaft#neubeginn#interkulturalität

Von Tibet nach Toronto

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Von Tibet nach Toronto | story.one

Sie trägt sie immer noch um den Hals. Die dünne Goldkette mit dem dicken Kätzchen-Anhänger, die ich ihr vor mehr als zehn Jahren geschenkt habe. Ihr Sohn spielt damit. „He is eight months and three days“, sagt sie mit indisch-tibetischem Akzent. Und lächelt.

Paldons Muttersprache ist nicht Englisch, sondern Tibetisch. Sie ist eines von neun Kindern einer halbnomadischen Familie aus der Provinz Kham. Wann genau sie geboren wurde, weiß Paldon nicht. Die Eltern haben die Geburtsdaten ihrer Kinder nicht registrieren lassen. 2003 schicken sie Paldon und ihren jüngsten Bruder nach Indien. Thinlay leidet an einer Augenerkrankung und droht zu erblinden. Die Familie hofft auf eine erfolgreiche Behandlung in Dharamsala, wo das spirituelle Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama, seinen Exilsitz hat.

Der Vater wählt die stärksten und schnellsten Pferde aus seiner Herde. Auf ihnen reiten Paldon und Thinlay einen Tag lang durch die Steppe, bis sie zu einer befahrbaren Straße gelangen. Von dort geht es per Lkw in die tibetische Hauptstadt Lhasa, danach mit vielen verschiedenen Fahrzeugen über Nepal nach Nordindien. Die ältere Schwester, die sie bis hierher begleitet hat, kehrt heim. Paldon ist damals etwa 16, Thinlay 14 Jahre alt. Sie werden ins tibetisch geführte Kinderdorf Suja aufgenommen, 40 km von Dharamsala entfernt. Nun müssen sie erst einmal lesen und schreiben lernen. Paldon erkrankt an TBC. Versäumt viele Schulstunden.

Thinlays Glaukom wird behandelt, doch beim Fußballspielen will ihn niemand im Team haben. Sein Blickwinkel verengt sich stetig, trotzdem lernt er für die Schule. Paldon schafft es nicht, den Lehrstoff aufzuholen, den sie durch ihre Krankheit versäumt hat. Schweren Herzens entscheidet sie sich für eine Ausbildung zur Schneiderin. Thinlay besteht die Matura, bewirbt sich an der Uni. Dann ein Anruf aus Tibet: Die Mutter ist schwer erkrankt. Als jüngster in der Familie sieht es Thinlay als seine Pflicht an, seinen alten Vater bei der Pflege der Mutter zu unterstützen. Reist heim zu den Eltern. Paldon bleibt in Indien. Von ihrem kargen Lohn kann sie gerade überleben, kaum Geld heim schicken. Dennoch gelingt es ihr, nach Kanada zu emigrieren.

Sie lebt jetzt Toronto. Via Internet halten wir Kontakt. Ihr Sohn Tenzin winkt mir zu. Vor den Fenstern rotgoldene Tangkas, tibetische Rollbilder. “Thinlay is married”, erzählt Paldon. “His son is one year and four months". Job habe er keinen, aber seine Frau verdiene gut als Lehrerin. Er sei jetzt Hausmann, kümmere sich um das Kind. Die Mutter ist gestorben, aber dem Vater gehe es gut.

Ihren Mann hat Paldon in Toronto kennengelernt. Auch Gyaltso stammt aus Tibet. Er arbeitet als Koch, zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Die Bezahlung sei gering, aber der Chef nett, sagt Paldon.

Sie ist meine Patentochter. Ich würde gerne wieder ihr Lachen hören - unvermittelt. Wie während gemeinsamer Ausflüge in Indien. Sie in Kanada besuchen. Auch in Toronto herrscht Lockdown.

© MaschataDiop 2021-01-27

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