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#unschuld#mädchen

Das Pudermädchen

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Das Pudermädchen | story.one

Ich solle mich still in die Ecke setzen und mich noch etwas gedulden, bis alle Blumenmädchen zurechtgemacht seien, meinte Tante Annie zu mir. Und jetzt sitze ich hier so still wie nur möglich und unterhalte mich mit der Taube, die auch ganz still auf der Fensterbank sitzt und ihr unbedeutendes Taubendasein genießt. Ich und die Taube, wir fragen uns, wieso Tante Annie dermaßen böse und wütend zu uns herüberschaut, denn vor Freude sollte sie strahlen, hell wie die Sonne. Schließlich heiratet sie gleich!

Nun, ich glaube zu wissen, wieso sie nicht strahlt: Sie ist eifersüchtig, eifersüchtig auf mich, weil ich das schönere Kleid trage! Ich habe mein Kleid etwas gepudert mit rosafarbenem Puder! Tante Annie macht selbst davon Gebrauch, zum Röten ihrer Wangen. Sie behauptet ja, Puder hebe die Schönheit aller Wesen und aller Dinge hervor, es lasse alle anderen wissen, wie verliebt man sei. Und recht hat sie, das habe ich ebenso mit eigenen Augen an meinem Kleid sehen können! Schau her, Taube! Mein gepudertes Kleid, es guckt mich so rosa und verliebt an wie noch nie zuvor!

Was Tante Annie angeht, bei ihr bin ich mir sicher, sie pudere sich die Wangen, um zu täuschen, um uns alle glauben zu lassen, sie sei in Maurice verliebt. Oh, Maurice! Es ist nicht zu denken, dass eine Frau, aus der solch eine exzessive Wut ausströmt, Liebe für den so lieben Maurice empfinden könne.

Jemand solle gefälligst mein Kleid entpudern, faucht sie. Ich würde Tante Annie raten, sich schnell zu beruhigen und — so wie ich — stillzuhalten, sonst sticht die Schneiderin ihr noch ins Bein. Dann würde sie mit einem mit Blut befleckten Brautkleid die Ehe eingehen. Das wäre unverzeihlich!

Wie dem auch sei, es ruft jemand mit mütterlicher Stimme von der anderen Ecke des Zimmers aus „Alle Blumenmädchen bitte einmal in die Reihe stellen!“ - Damit werde bestimmt auch ich gemeint, doch in diesem Saal scheint niemand wahrhaben wollen, dass ich kein Blumenmädchen bin.

Denn was auch geschehe, ich bin und bleibe das Pudermädchen! Ich bin auch Prinzessin und Seepferdchen, aber am ehesten bin ich das Pudermädchen und so unartig es auch klingt, ich pudere jedem Wesen, dem ich begegne, die Wangen. Ebenso pudere ich die Blüten der Blumen! Und die Schnecken! Eines Morgens fand ich eine im frischgemähten Rasen. Da tunkte ich meinen Pinsel in Tante Annies rosafarbenes Puder und näherte ihn so langsam wie möglich dem kleinen Weichtier. Ich wollte es nicht erschrecken, aber als dieses die Härchen des Pinsels bemerkte, zog es den Kopf samt Augen und Wangen in sein Gehäuse. Ich wartete geduldig, bis die Schnecke entschloss, wieder herauszukommen und den Rasen weiterhin zu erkunden. Dann packte ich zügig zu und puderte ihr schleimiges Gesicht.

Taube, soll ich auch dich pudern? Taube, wieso antwortest du mir nicht? Hallo, Taube? „Hör auf mit der Taube zu reden, sie kann dich nicht hören!“, schreit Tante Annie, während sie mit unbeherrschtem Schritt auf mich zuläuft. Oh, Taube! Du bist eine taube Taube!?

© Melanie Flores Bernholz 2021-08-08

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