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#dichten#apfel

Der Dichter der Bäume

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Der Dichter der Bäume | story.one

Es war einmal ein unbekannter Dichter namens Raimund. Raimund hatte so viele Bäume in seinem Leben gepflanzt wie Kinder seine Frau Silvana gebärt hatte, nämlich kein einziges. Grund dafür war Silvanas Gier, die Gier, alles für sich ganz allein zu haben, kein Teil von ihr — von ihren Genen — weiter- oder gar abgeben zu wollen. Aus reinem Trotz stellte sie sich gegen den menschlichen Instinkt der Fortpflanzung und gab Raimund keinen einzigen Nachkommen.

Letzteres bereitete Reimund große Sorgen, denn er wusste, dass „fälle ich morgen dem Tode in die Arme, überstünde von mir nichts Weiteres als mein Wunsch nach Ruhm dem Vergehen der Zeit“.

Was die Bäume anging, da saß Raimund eines Nachmittages an seinem Schreibtisch, als ihm in den Sinn kam, einen Baum zu pflanzen. Doch ganz gewiss nicht einen echten Baum, er war ja kein Gärtner, sondern ein Dichter! Er würde sich einen Baum dichten, einen Baum mit Stamm und Ästen und Blättern und Äpfeln. Einen Baum, der das Dahinwelken des Universums mühelos davonlaufe und nicht wehrlos unterläge.

„Es rede zu mir die Dichtung und die Feder — die Feder! —, sie dichte Bäume aus meiner Hand heraus und erhebe tiefe, grüne Wälder.“, rief er mit herrischem Ton in den Raum. „Und jetzt, Feder! Dichte noch mehr Bäume, Bäume bis zum Gehtnichtmehr!“.

Während er die Feder beim Dichten beobachtete, wuchs einem seiner gedichteten Bäume einen Apfel. Dabei stieß Raimund auf eins der fabelhaftesten Wunder der Natur: „Der Baum ist des Apfels einziger Erzeuger und der Apfel ist des Baumes größte Schöpfung. Welch ein Geniestreich — der Apfel! “, flüsterte er sich zu.

Wie demnach zu erwarten war, betrat Silvana mit hochmütigem Schritt den Raum, in dem Raimund an seinem Schreibtisch saß. Silvana sah den Apfel und lief gierig auf ihn zu, und der Apfel sah Silvana und die Feder sah alle beide und dichtete, ohne einen Augenblick zu überlegen, „Das Poem des roten Weibes“:

„Es sei — der Apfel —/ der Liebestempel/ des Grünen Waldes/ und roten Weibes.

Er sei der Schlüssel/ zum blauen Himmel, / zum Waldes Herzes/ und Weibes Mundes …“

Da spielte ihn die Feder einen Streich und ohne es gewollt zu haben, dichtete Raimund mit eigener Hand den Baum, an dem der Apfel wuchs, den seine Frau Silvana — oder ihre Gier — nicht widerstehen konnte. Der Apfel machte sie zum roten Weib. „Dein Mund — oh Silvana! — so rot wie des Apfels Schale und dein Blut so süß wie des Apfels Saftes!“, seufzte er vor lauter Kummer und Verzweiflung. In Erwartung, dass ihm einen Apfel wachse und er seine Frau Silvana zurückerobern könne, dichtete sich Reimund selbst zum Baum.

Nun, es war einmal ein Baum namens Raimund. Raimund wuchsen so viele Äpfel wie Kinder seine Frau Silvana — tief im Inneren — gerne gebärt hätte. Und somit endete die Lebensgeschichte Raimunds, der ruhmvollste Baum der jemals von einem Dichter und seiner Feder gedichtet wurde.

© Melanie Flores Bernholz 2021-08-14

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