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#trauer#seemann

Der verstorbene Seemann

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Der verstorbene Seemann | story.one

Es träumte Hugo von einem letzten Tanz mit ihm. Ein letzter Tanz mit seinem verstorbenen Seemann, ein letzter Tanz über den Wellen der sieben Meere. Dem Gesang der Wale folgen und die Welt erkunden, ihn auf allen sieben Kontinenten lieben und anhimmeln, ihn zum alleinigen und allergrößten Herrscher seines Herzens zu machen.

Hugo, er verfiel allmählich der Trauer. Von der Tiefe seiner Seele über seine veraltete Haut wuchs ihm der Schmerz hinaus. Alles, was er mit Händen und Füßen anfasste oder berührte, alle Träume, die er sich erträumte, alle Geschichten, die er sich ausmalte, waren mit Trauer und Schmerz überfüllt.

Und so geschah es, dass an jenem Tag, wo Hugos Seemanns Schiff in stürmischer See unterging, die gesamte Welt zusammenbrach. Das Porträt seines verstorbenen Seemanns nahm Hugo in die Hand und fing an zu weinen. Zu weinen fing auch sie an, die auf Hugos verstorbenen Seemanns Porträt handgeschriebene Liebeserklärung. Sie verschwamm und verschwand in einem Meer von Tränen, um niemals wiederzukehren. Hugo drehte eine rosa Schleife um das Porträt und hing es kopfüber und zu weinen, fing dann auch sie an, die Schleife. Sie weinte und dabei schwand all ihre Kraft dahin, sie fiel in sich hinein und verlor für immer und ewig ihre Grazie und Form.

Es verlor auch seine Grazie und Form das kleine Birkenholzklavier, welches Hugo und sein verstorbener Seemann in Sankt Petersburg geschenkt bekamen — von einem Straßenmusikanten — als Andenken ihres ersten Honigmondes.

Hugo berührte sehnsüchtig die schwarzen und weißen Tasten und während dessen weinte es sich seinen ganzen Baumsaft aus dem Leibe, das Birkenholzklavier. Und es weinte der Straßenmusikant am anderen, weit entfernten Ende der Welt, und es weinten Sankt Petersburgs Straßen am gleichen anderen, weit entfernten Ende der Welt!

Als sie Hugo beim Anblick der englischen Standuhr wieder in Erinnerung kamen — die Straßen Londons, über denen er und sein verstorbener Seemann zu ihrem zweiten Honigmond entlang flanierten —, entkamen diese Straßen dem unermesslichen Weinen auch nicht mehr.

Ebenso wenig entkam dem unermesslichen Weinen der Londoner Uhrmacher, von dem Hugo und sein verstorbener Seemann ein Einzelstück zu Ehren und als Andenken ihrer endlosen — ihrer zeitlosen! — Seemannsliebe geschenkt bekamen.

Doch auch sie weinte, die englische Standuhr. Sie weinte und weinte, ihre Uhrzeiger verloren jegliches Durchhaltevermögen und blieben an Hugos verstorbenen Seemanns Todesstunde, um drei Uhr dreiunddreißig, stehen.

Es träumte Hugo von einer letzten Nacht mit ihm. Eine letzte Nacht in den Armen seines verstorbenen Seemannes. Und mit so viel Trauer und Schmerz war er überfüllt, sein Traum, dass auch die von ihm geträumte Nacht weinte. Und es weinten auch sie, die Sterne. Und sie weinten so lange, bis ihr Licht erlosch. Somit erloschen auch Hugos Erinnerungen an seinen verstorbenen Seemann. Er selber, Hugo, fand dann im Dunklen der Nacht die Erlösung.

© Melanie Flores Bernholz 2021-08-11

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