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#trauer#irrenanstalt#jugendsünden

Die Irrenanstalt II

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Die Irrenanstalt II | story.one

Loulou Martin reinigte ihre Alterssünden, weil Jugendsünden hatte sie keine. Das lag ganz allein daran, dass sie ihr Leben rückwärts lebte. Ihre Weisheit hatte sie bereits ausgeschöpft und jetzt hielt sie sehnsüchtig Ausschau nach ihrer Jugend, nach etwas Unbekümmertheit und Leichtlebigkeit für ihre Seele.

Sie trauerte tagtäglich um ihren im Zweiten Weltkrieg verstorbenen Mann, ein französischer Soldat namens Sebastien Lebrun, von dem man wusste, er möge Rosinen. Er ließ Loulou Martin jeden Sonntag eine große Schachtel Rosinen zukommen und man war sich sicher, so ein Präsent könne nur ein Mann machen, der selber Rosinen möge. Vor allem, wenn man in Betracht zog, dass die Französin keine Rosinen mochte. Keine einzige aß sie, alle grub sie sorgfältig in die Blumentöpfe ihres Zimmers, in der Hoffnung eines Tages Weintrauben anstatt Blumen pflücken zu können und sie mit Sebastien Lebrun beim ersten Kennenlernen gemeinsam zu essen. Sie wollte einfach nicht wahrhaben, dass ihr Mann tatsächlich am Leben war, dass der Zweite Weltkrieg 1929 noch längst nicht ausgebrochen war.

Die ganze Angelegenheit kam Ralph Grünemann sehr zugute. Jeden Sonntag widmete er Loulou Martin vom Fenster seines Zimmers aus seine schamlosesten Blicke, während sie die Rosinen in die Blumentöpfe grub.

Und so tat es Ralph Grünemann auch an dem Morgen. Seine Blicke eilten zuerst Hermann Müllers stärksten jüngsten Jahren und danach Loulou Martins Nacktheit hinterher.

Auch Ralph Grünemanns Blicke fielen tröpfchenweise auf den Boden und drängelten sich unter der Zimmertür-Lücke hindurch und — wie wildgewordene Katzen, Hunde und Pferde — miauten, jaulten und wieherten sie entlang des linken Flures der zweiten Etage der schneeweißen, watteweichen Irrenanstalt. Sie liefen zwanzig, dreißig, vierzig Treppenstufen runter bis in die Eingangshalle und überholten und entwichen dort trampelnden Menschenfüßen, morschen Holzschränken, morschen Holztischen und morschen Holzstühlen und niesten sich gegenseitig den Staub ins Gesicht, der über dem Teppichboden leicht und fröhlich hin und her wedelte. Sie passierten getränkt in Hysterie die mächtige, morsche Eingangstür und wagten somit den Schritt ins Freie, ein bekanntes Freie, ein Freies, was sie zuvor schon oftmals genossen hatten.

Sie durchquerten den halben Park und erreichten die Fontäne, wo sie vor Erschütterung nur noch staunen konnten, denn Loulou Martins Nacktheit ähnelte plötzlich der des einen aus seinem Ei frisch geschlüpften Vögleins oder — etwas konziser ausgedrückt — der des einen frisch gerupften Hühnchens.

Es war nicht der Anblick des vor lauter Sünden trüb gewordenen Wassers und ebenso wenig der Anblick der unheilvollen Nacktheit Loulou Martins der Ralph Grünemanns Blicke daran hinderte, in der Fontäne ihre unzähligen Sünden zu reinigen, sondern vielmehr deren eigenen unkontrollierbaren Gier weiterhin zu sündigen, weiterhin Zeuge verbotener Ereignisse zu sein.

© Melanie Flores Bernholz 2021-08-04

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