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#irrenanstalt#jugendsünden

Die Irrenanstalt III

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Die Irrenanstalt III | story.one

Von ihren Jugendsünden gereinigt, kehrten Hermann Müllers stärkste jüngste Jahre euphorisch zurück und von ihren Alterssünden gereinigt, kehrte in gleichem Maße euphorisch Loulou Martin zurück. Sie holte ihren schwarzen Witwenschleier aus den Rosenbüschen heraus und legte ihn sanft um ihren Kopf, sodass ihre dunkelbraunen Haare, ihre feinen Ohren und ihr weiblicher französischer Charme nicht mehr zu sehen waren. Doch dies hielt Ralph Grünemanns Blicke nicht auf. Wenn auch von ihren Sünden nicht gereinigt, kehrten auch sie euphorisch zurück.

Würdevoll durchquerten sie alle den halben Park. Sie wagten zum allerletzten Mal den Schritt ins Unfreie und passierten die mächtige, morsche Eingangstür. Dieses Mal niesten sie sich nicht gegenseitig den Staub ins Gesicht, der über dem Teppichboden leicht und fröhlich hin und her wedelte, und morschen Holzstühlen, morschen Holztischen, morschen Holzschränken oder trampelnden Menschenfüßen entwichen und überholten sie auch nicht, denn die Eingangshalle war in der Zeit stehen geblieben, leergeräumt und lahmgelegt. Sie liefen vierzig, dreißig, zwanzig Treppenstufen hoch und — wie gezähmte Katzen, Hunde und Pferde — miauten, jaulten und wieherten sie leise — sehr leise — entlang des linken Flures der zweiten Etage der schneeweißen, watteweichen Irrenanstalt. Sie schlichen sich unter der Zimmertür-Lücke hindurch.

Nun nahm unter den Anwesenden die große Empörung ihren Platz ein und nur langes Schweigen ließ sich in dem Zimmer hören. Es waren keine Spuren der einst dort lebenden feuchten Barthaare und Nase zu finden. Denn Hermann Müller hatte sich das Paradies an die schneeweiße, watteweiche Wand gemalt und war darin verschwunden.

Doch für seine von ihren Jugendsünden gereinigten stärksten jüngsten Jahre war das kein Grund, ihr Schicksal nicht selber in die Hand zu nehmen. Sie ließen sich von der Wand nicht entmutigen und entschlossen, den ordinären alten Hermann Müller im Paradies fündig zu machen und verschwanden demzufolge in der schneeweißen, watteweichen Wand, auf die das Paradies gemalt war.

Da Loulou Martin der festen Überzeugung war, sie könne ohne Hermann Müllers stärkste jüngste Jahren nicht mehr lange leben und Sebastien Lebrun nicht kennenlernen und mit ihm die aus ihren Blumentöpfen gepflückten Weintrauben nicht gemeinsam essen, eilte sie ihnen hinterher und verschwand auch in der schneeweißen, watteweichen Wand, auf die das Paradies gemalt war. Und da Ralph Grünemanns Blicke ohne Loulou Martin an den Sonntagen nichts mehr gehabt hätten, womit sie sich vergnügen und sündigen könnten, eilten sie ihr hinterher und verschwanden ebenso in der schneeweißen, watteweichen Wand, an die das Paradies gemalt war. Und Ralph Grünemann eilte seinen Blicken schließlich auch hinterher. Somit wurde das Paradies zur Irrenanstalt und die schneeweiße, watteweiche Irrenanstalt zum Paradies.

© Melanie Flores Bernholz 2021-08-05

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